Ham

1. Belege und Name

Ham (חָם Ḥām) ist einer der drei Söhne → Noahs (Gen 5,32; Gen 6,10; Gen 7,13; Gen 9,18; Gen 10,1; 1Chr 1,4). Gemeinsam mit seinem Vater, seinen beiden Brüdern → Sem (שֵׁם Šēm) und → Jafet (יֶפֶת jæfæt) und den vier zugehörigen namenlosen Frauen überlebt er die Sintflut (Gen 7,13; Gen 9,18). Wie seine Brüder wird Ham zu einem der drei Stammväter der nachsintflutlichen Menschheit (Gen 9,19; Gen 10,1). Er gilt als Ahnherr der Hamiten (Gen 10,6.20; vgl. 1Chr 1,8), wobei seine Vaterschaft zu → Kanaan besonders herausgestellt wird (Gen 9,18.22). Die Vaterschaft des zu den Hamiten gerechneten Ägypten steht hinter den Wendungen „die Zelte Hams“ und „das Land Hams“ in nachexilischen Geschichtspsalmen, die auf das Ägypten der Exoduserzählung anspielen (Ps 78,51; Ps 105,23.27; vgl. 1Chr 4,40). Die insgesamt 17 biblischen Belege für Ham verteilen sich auf die → Priesterschrift und von ihr literarisch abhängige Texte.

Die Etymologie des Namens ist unsicher. Denkbar ist eine Verbindung mit dem ägyptischen ḥm „Diener“, das in Verbindung mit Götternamen als Personenname vom Typ „Diener des Gottes N.N.“ belegt ist. Ein anderer Vorschlag leitet den Namen von dem gleichlautenden hebräischen Wort für Schwiegervater, genauer für den Vater des Mannes ab (vgl. Gen 38,13.25; 1Sam 4,19.21). Entsprechende Namensbildungen sind in den semitischen Sprachen weit verbreitet. Darüber hinaus lässt sich im Hebräischen aus dem Namen auch das gleichlautende Adjektiv „heiß“ heraushören, das jedoch nicht in Personennamen belegt ist. Möglicherweise ist das ägyptische Namenselement etwa in der Amarna-Zeit in die Levante gelangt und hat dort eine „semitische“ Neucodierung erfahren (Hess 1993, 30-31; vgl. dazu die Namensgebung für → Mose durch die Tochter des Pharao nach Ex 2,10).

2. Ham in der Priesterschrift

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur sog „Völkertafel“ in Gen 10.

Nach der priesterschriftlichen Genealogie ist Ham nach Sem und gefolgt von Jafet der mittlere der Söhne Noahs (Gen 5,32; Gen 6,10; Gen 7,13; Gen 9,18; Gen 10,1) und einer der drei Stammväter der nachsintflutlichen Menschheit. Entfaltet wird das ethno-geographische System in der sogenannten → Völkertafel in Gen 10*, deren Kernbestand ebenfalls auf die Priesterschrift zurückgeht (Gen 10,1-7.20.22-23.31-32). Die Völkertafel setzt mit der bekannten Reihenfolge der Söhne Noahs ein, kehrt sie aber in der Durchführung um, da sie auf die Fortsetzung der Genealogie Sems in Gen 11,10-26 (P) hin angelegt ist. Diese läuft über den jeweils ältesten Sohn auf → Terach und seine Söhne, darunter → Abraham, und damit das Volk Israel hinaus (Gertz 2018, 296-327, 344-348). Zugleich ergibt sich eine grobe geographische Ordnung der Völkerwelt, die aus judäisch-palästinischer Perspektive von den äußersten Rändern im Norden, Nordwesten und Nordosten (Jafet), über den Süden (Ham) zur Mitte (Sem) fortschreitet. Als „Söhne Hams“ nennt die priesterschriftliche Völkertafel → Kusch, Mizrajim (=Ägypten), → Put und → Kanaan (Gen 10,6; vgl. 1Chr 1,8). Es sind die Eponyme von Völkerschaften, die am westlichen und südwestlichen Rand der den Autoren bekannten Welt beheimatet sind. Ihr Gebiet umfasst das heutige Libyen und angrenzende Regionen bis Mauretanien im Westen (Pûṭ), den Nil von Ägypten (Miṣrajim) bis in den heutigen Sudan und Äthiopien (Kûš) sowie – nimmt man die Söhne und Enkel von Kusch mit hinzu (Gen 10,7) – die Arabische Halbinsel vom Golf von Akaba bis zum Golf von Aden.

Die Einordnung Kanaans (Kəna‘an) fällt ein wenig aus diesem geographischen Rahmen. Kanaan bezeichnet in keilschriftlichen und ägyptischen Texten der zweiten Hälfte des 2. Jt.s v. Chr. den südlichen, von Ägypten kontrollierten Teil der syrisch-palästinischen Landbrücke. Die ägyptische „Provinz Kanaan“ mit dem Verwaltungssitz Gaza reichte von → Byblos im Norden bis an die Ostgrenze Ägyptens im Süden. Das entspricht den geographischen Vorstellungen des Alten Testaments des 1. Jt.s v. Chr., wonach das „Land Kanaan“ das Israel verheißene und nach der Landnahme an seine Stämme verteilte Siedlungsgebiet ist (→ Landnahme). Nach der geographischen Ordnung der Völkertafel müsste Kanaan wie die Vorfahren des nachmaligen Israel also zu den Söhnen Sems gezählt werden.

Man hat die geographische Abweichung mit dem Rückgriff auf eine sehr alte Tradition erklärt, in der sich die politischen Verhältnisse der zweiten Hälfte des 2. Jt.s v. Chr. spiegeln (Westermann 1977, 682). Gegen diese Erklärung spricht, dass die Erinnerung an das „ägyptische Kanaan“ im Alten Testament sonst nicht greifbar ist. Vage ist auch die Auskunft, hinter der Zuordnung würden der Herrschaftsanspruch über die Levante in der 25. (kuschitischen) Dynastie stehen (Lipinśki 1992, 162-163; Malamat 2004). Eher trägt die Priesterschrift die im Alten Testament gängige Abgrenzung „Israels“ von „Kanaan“ in die ethno-geographische Ordnung der nachsintflutlichen Welt ein. Auch wenn das nachmalige Israel in historischer Perspektive aus „Kanaan“ hervorgegangen ist, so ist es in der Selbstwahrnehmung der biblischen Autoren ethnisch und kulturell von der autochthonen Bevölkerung des verheißenen Landes zu unterscheiden. Konsequenterweise ordnet die Priesterschrift Kanaan zu den Söhnen Hams und die Ahnherren des nachmaligen Israel zu den Söhnen Sems (Gertz 2018, 312-313).

3. Ham in der Erzählung von Noah und seinen Söhnen in Gen 9,18-29

Abb. 2 Die Trunkenheit Noahs (Giovanni Bellini; ca. 1515).

Abb. 2 Die Trunkenheit Noahs (Giovanni Bellini; ca. 1515).

In der → Völkertafel der Priesterschrift, die insgesamt das Ideal einer sich friedlich ausdiffe­renzierenden Welt gleich geachteter Völker entfaltet, wird der für die Selbstwahrnehmung Israels grundlegende Gegensatz von „Israel“ und „Kanaan“ gelehrt-nüchtern notiert. Eine ganz andere Tonart schlagen die jüngeren Bearbeiter der biblischen Urgeschichte mit der Erzählung von „Noah und seinen Söhnen“ an, die sie nachträglich in die genealogischen Angaben der Priesterschrift eingehängt haben (Gen 9,18a.19.28-29; Witte 1998, 102-105, 185-187; de Pury 2005; Arneth 2007, 45-58, 200-210; Gertz 2009; Gertz 2018, 286-295): Ham, der zweimal ausdrücklich als der „Vater Kanaans“ bezeichnet wird, sieht die Scham seines Vaters Noah, der sich betrunken in sein Zelt zurückgezogen hat, und lässt sich darüber vor seinen Brüdern aus. Diese reagieren jedoch mit Respekt und bedecken den Vater, ohne ihn anzusehen. Nach seinem Erwachen verflucht Noah Kanaan und dessen Nachkommen zu Knechten aller Völker, während er Sem, Jafet und deren Nachkommen segnet. In der sehr sparsam formulierten Erzählung bleibt offen, worin Hams Vergehen besteht. Auch fehlt jegliche Begründung für die Verfluchung Kanaans. In der Auslegungsgeschichte ist die offene Formulierung „Noah erkannte, was sein jüngster Sohn ihm angetan hatte“ (Gen 9,24) häufig als Leerstelle verstanden worden, die dazu auffordert, sich das Geschehen aus Andeutungen des Textes zu erschließen (Vervenne 1995, 34-35). Hierzu zählt vor allem die idiomatische Bedeutung der Wendung vom „Sehen“ und „Entblößen der Scham“ (Gen 9,22.23) im Sinne von „Geschlechtsverkehr haben“ (vgl. Lev 18,6-19; Lev 20,11.17.19-21).

Aus: Hartmann Schedel, Liber chronicarum (Weltchronik), Nürnberg 1493, Blatt X.

Abb. 3 Die Trunkenheit Noahs (Schedelsche Weltchronik; 1493).

Die Verbindung von Alkoholgenuss und → Sexualität ist im Alten Testament und den Literaturen des alten Vorderen Orients gut belegt, auch das Motiv des Weinbergs (Gen 9,20) wird gerne im sexuellen Kontext verwendet (vgl. Hhld 1,6.14; Hhld 2,15) sowie die Erzählung von Lots Töchtern, die ihren Vater betrunken machen, um von ihm schwanger zu werden in Gen 19,30-38). So wurde angedeutet, es habe sich bei dem Vergehen um einen Inzest mit der (nicht erwähnten!) Frau des Vaters gehandelt, was in Lev 20,11 als „Aufdecken der Scham des Vaters“ bezeichnet wird (Bereschit Rabba 36,4. Testament Ruben 3,11-15 bemerkt in Anspielung auf Gen 9,18-27 in der Auslegung von Gen 35,22, dass Ruben die Nebenfrau Jakobs nackt und betrunken schlafend im Zelt vorgefunden habe. Vgl. Opferkuch 2017). Andere dachten an einen inzestuös-homosexuellen Missbrauch des Vaters oder dessen Kastration durch Ham (Targum Pseudo-Jonathan; Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 70a; Bereschit Rabba 36,7 [Text Talmud]; Opferkuch 2017, 289-291). Doch derartige Konkretisierungen fügen sich nur schlecht in den Kontext, der ein besonderes Gewicht auf Hams Erzählen vor seinen Brüdern legt. Gleichwohl führt der Hinweis auf die Inzestverbote und die sexuelle Konnotation des verwendeten Vokabulars in die richtige Richtung. Das Vergehen Hams besteht im Sehen der Scham des Vaters und dem Umstand, dass sich Ham darüber vor seinen Brüdern auslässt. Im Kontrast zu diesem despektierlichen Verhalten steht dasjenige der beiden älteren Brüder. Sie erweisen dem Vater gegenüber Ehrfurcht. Es geht bei dem Vergehen Hams also um eine Frage von Scham und Ehre. Verletzt das Entblößen der Scham die Würde und die Integrität der Person, so besteht im Fall Hams das eigentliche Vergehen in der fehlenden Diskretion. Ham erzählt seinen Brüdern von dem Vorfall, macht ihn dadurch erst öffentlich und entehrt so den Vater. Die begriffliche Nähe zu den Inzestverboten des Buches Leviticus deutet zudem auch eine Begründung der Verfluchung Kanaans für die Tat seines Vaters Ham an. Die Inzestverbote werden mit dem Hinweis eingeschärft, dass die Vorbewohner des Landes („Kanaanäer“) ihr Land wegen derartiger Vergehen verlieren werden (Lev 20,22-23; vgl. Lev 18,3). Der Vorfall sollte und musste daher bei seinen schriftkundigen Lesern die stereotype Erwähnung der in der alttestamentlichen Überlieferung ohnehin schlecht beleumdeten Kanaanäer in Lev 18 und Lev 20 ins Bewusstsein rufen. Sollte die gewünschte Abqualifizierung Kanaans zum Knecht aller Völker in einem urgeschichtlichen Einzelgeschehen begründet werden, dann musste dies noch vor der Ausdifferenzierung der Söhne Noahs zu den Völkern der Erde platziert werden. Insofern bot die genealogische Notiz der Priesterschrift über die drei Stammväter der Menschheit den einzig möglichen Ort für eine entsprechende Ergänzung. Wegen der genealogischen Vorgaben durch die Priesterschrift in Gen 10 konnten die Ergänzer aber nur mittelbar von Kanaan sprechen. Deshalb musste Hams Vergehen zum Anlass für den Fluch gegen Kanaan werden. Auf diese Weise wird der universelle Segen Gottes über die Söhne Noahs (Gen 9,1-17) in Fluch und Segen differenziert (Gen 9,25-27), wobei der Fluch über die böse Tat ausdrücklich zum Erbfluch wird, der Kanaan auf Dauer aus dem brüderlichen Verhältnis der von der Priesterschrift dargestellten Menschheit ausschließt (de Pury 2005, 503-504). Die Erzählung läuft auf eine Verfluchung Kanaans hinaus und gibt eine urgeschichtliche Begründung dafür, warum die Kanaanäer so geworden sind, wie sich das die biblischen Autoren ausgemalt haben. Gleichzeitig rechtfertigt sie das biblische Narrativ, wonach Israel später die Kanaanäer weitgehend ausrotten und ihr Land in Besitz nehmen konnte (vgl. Jub 10,29-34).

4. Auslegungsgeschichte

Neben der Explikation des im biblischen Text nur angedeuteten Vergehens wurde in der antiken jüdischen, christlichen und islamischen Exegese vor allem die Frage diskutiert, warum Kanaan für die Tat seines Vaters Ham verflucht wurde. Nach einer schon in → Qumran belegten und später breit aufgenommenen Lesart wurde Kanaan deswegen verflucht, weil Gott Noah und seine Söhne beim Verlassen der Arche gesegnet hatte (Gen 9,1), was wiederum einen Fluch gegen einen der Söhne unmöglich gemacht habe (4Q252. Vgl. Bereschit Rabba 36,7; Justin der Märtyrer, Dialog 139; Ephraim der Syrer, Comm. Gen). Die Interpretation der Tat Hams als Kastration des Vaters führte nach einer weiteren Lesart zu der Erklärung, dass Noah Hams vierten Sohn verflucht habe, weil er seinen Wunsch nach einem vierten Sohn zunichte gemacht habe (Targum Pseudo-Jonathan; Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 70a; Bereschit Rabba 36,7). Im Buch der Schatzhöhle, einer Sammlung apokrypher Schriften aus der frühen Syrischen Kirche, wird die Frage, warum Kanaan verflucht wurde, damit begründet, dass Noah wusste, dass Kanaan „das Werk Kains erneuerte und Musikinstrumente hergestellt hatte, in denen Dämonen wohnten“ (Spelunca thesaurorum, 21). In eine ähnliche Richtung geht die Auskunft, Kanaan habe anders als seine wohlgeratenen Brüder dem Vater in dessen Bosheit geähnelt, weshalb Noah nicht Ham und damit alle Hamiten verflucht habe (Ephraim der Syrer, Comm. Gen.). Andere begründeten die Verfluchung Kanaans damit, dass er sich gemeinsam mit seinem Vater Ham an Noah vergangen habe (Pirqe deRabbi Eliezer 23), wobei teilweise Kanaan ein sexueller Übergriff und Ham die minder schwer bewertete unterlassene Hilfeleistung zugeschrieben wurde (Kommentare von Origenes, Fragm. 20, und Ibn Ezra jeweils zur Stelle).

Darüber hinaus wurde Ham schon früh zum Ahnherrn von Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Während die Bibel nichts dergleichen erwähnt, scheint im Frühjudentum die Frage aufzukommen, wie es bei der Abstammung von einem Menschenpaar so offenkundige äußere Unterschiede wie die unterschiedlichen Hautfarben geben kann. Wie wohl in allen Kulturen wird dabei das Andere als die Abweichung und das Eigene als die Norm angesehen, wobei diese Abweichung zumeist als Minderung bewertet wird. Ham bot sich für eine ätiologische Herleitung der schwarzen Hautfarbe daher vermutlich besonders an: Durch sein Vergehen an Noah war er ohnehin schon schlecht beleumdet und zudem galt er als Vater von Kusch, den Bewohnern des südlich von Ägypten gelegenen Nubien. So wusste eine bei den Rabbinen überlieferte und von islamischen Historikern aufgenommene Tradition zu berichten, dass Ham trotz des göttlichen Verbots auf der Arche mit seiner Frau geschlafen hat, weshalb er mit einer schwarzen Hautfarbe bestraft wurde (Babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 108b; Jerusalemer Talmud, Traktat Taanit 7a [1,6]; Bereschit Rabba 36,7; Tanhuma 12; al-Ṭabarī [Rosenthal 1989, 365]). Nach Raschi (1040-1105) ging die dauerhafte Verfärbung dann allerdings auf seinen Sohn Kusch über.

Aus: Bilder-Pentateuch von Moses Dal Castellazzo, Venedig 1521. Vollständige Faksimile-Ausgabe im Originalformat des Codex 1164 aus dem Besitz des Jüdischen Historischen Instituts Warschau, hg. von Kurt Schubert und Ursula Schubert, Bd. 1, Wien 1983, Abb. 10.

Abb. 4 Eine der wenigen bildlichen Darstellungen, die Ham mit schwarzer Hautfarbe zeigt.

In der muslimischen Rezeption der Überlieferung von Ham, der im Koran nicht erwähnt wird, scheint anfänglich die schwarze Hautfarbe, jedoch nicht die Versklavung Kanaans zum „Knecht aller Völker“ die Folge von Noahs Fluch gewesen zu sein. Dies legt eine Version der Erzählung nahe, die ‘Abdallāh ibn Mas‘ūd (gest. 653), einem Gefährten Mohammeds, zugeschrieben wird. Noah, der als Prophet gilt und sich deshalb anders als im Alten Testament nicht betrinkt, „badete gerade und sah, wie sein Sohn [Ham] ihn ansah und zu ihm sagte: ‚Siehst du mir beim Baden zu? Möge Gott deine Farbe ändern!‘ Und er ist der Vorfahre der sūdān.” (Hunwick / Harrak 2000, 30-31, 60; vgl. Goldenberg 2017, 68).

Die Verbindung zur doppelten Verfluchung Hams (!) und seiner Nachkommen mit schwarzer Hautfarbe und Sklavenexistenz findet sich wohl erstmals explizit bei islamischen Historikern: „Kanaan ben Ham ben Noah heiratete Arsal ... und sie gebar ihm Schwarze, Nubier ... und das ganze Volk des Sudan. Gemäss Ibn Ḥumayd – Salamah – Ibn Isḥaq in der ḥadīth: Das Volk der Thora behauptet, dass dies nur wegen einer Anrufung Noahs gegen seinen Sohn Ham geschah. Das lag daran, dass, während Noah schlief, seine Genitalien entblößt waren, und Ham sah sie, bedeckte sie aber nicht ... Als er erwachte ... sagte er: ‚Verflucht ist Kanaan ben Ham. Sklaven werden sie seinen Brüdern sein!’“ (al-Ṭabarī [Brinner 1987, 11]). Im Hintergrund stehen die islamische Eroberung Afrikas und die daraus resultierende dramatische Zunahme der Versklavung von Schwarzafrikanern (Goldenberg 2017). Wie der Verweis auf das „Volk der Thora“ zeigt, scheint diese Verknüpfung implizit schon länger bestanden zu haben oder sich vor dem Hintergrund der verschiedenen Traditionen zu Ham exegetisch nahegelegt zu haben.

Im christlichen Kontext ist der Doppelfluch „Schwarz und Sklave“ wohl erstmals im 16. Jh. bei dem in Peru wirkenden Dominikaner Francisco de la Cruz belegt (gest. 1578). Ihre steile und unheilvolle Karriere machte diese Auslegung allerdings erst vor und nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865), wo der „Curse of Ham“ als vermeintlich biblische Rechtfertigung der Sklaverei diente (Haynes 2002; Goldenberg 2017). Dass es sich dabei um eine vorwiegend populärtheologische Auslegung mit einer längeren inneramerikanischen Vorgeschichte handelt, zeigt ihre Widerlegung bereits im frühen 18. Jh. durch Cotton Mather, den seiner Zeit vielleicht wichtigsten Theologen und Intellektuellen Neuenglands (Mather 1663-1728 / 2010, 672).

Die Vorstellung der Verfluchung Hams mit schwarzer Hautfarbe und Sklavenexistenz begegnet noch in der gegenwärtigen Auseinandersetzung um Rassismus und Segregation in den USA. Andererseits haben sich afroamerikanische Autorinnen und Autoren um ein positives Bild von Ham, dem ersten schwarzen Menschen, bemüht: Der Fluch der Sklaverei habe Kanaan getroffen. Ham sei der Vater bedeutender Völker und früher Hochkulturen wie Babylonien (Kusch; vgl. Gen 10,8), Äthiopien und Ägypten gewesen, was als biblischer Beleg für die intellektuellen und kulturellen Fähigkeiten schwarzer Menschen gegen deren rassistische Abwertung angeführt wird (Johnson 2004).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Encyclopedia of the Bible and its Reception, Berlin / New York / Boston 2009ff

2. Weitere Literatur

  • Abraham Ibn Esras Kommentar zur Urgeschichte. Übers. und erkl. von D.U. Rottzoll (SJ 15), Berlin / New York 1996
  • The Armenian Commentary on Genesis Attributed to Ephraim the Syrian, ed. and transl. by Edward G. Methews, Leuven 1998
  • Arneth, M., 2007, Durch Adams Fall ist ganz verderbt ... Studien zur Entstehung der alttestamentlichen Urgeschichte (FRLANT 217), Göttingen
  • Brinner, W.M., 1987, The History of al-Ṭabarī (Ta’rīḫ ar-Rusūl wa-l-Mulūk). Vol. II. Prophets und Patriarchs, transl. and annot. by. William M. Brinner, Albany, NY
  • de Pury, A., 2005, Sem, Cham et Japhet. De la Fraternité à l’esclavage? in: A. Kolde u.a. (Hgg.), Koryphaiō Andri. Mélanges offerts à André Hurst (Recherches et rencontres 22), Genève, 495-508
  • Gertz, J.C., 2009, Hams Sündenfall und Kanaans Erbfluch – Anmerkungen zur kompositionsgeschichtlichen Stellung von Gen 9,18-29, in: R. Achenbach / M. Arneth (Hgg.), „Gerechtigkeit und Recht üben“ (Gen 18,19). Studien zur altorientalischen und biblischen Rechtsgeschichte, zur Religionsgeschichte Israels und zur Religionssoziologie (FS Eckart Otto; BZAR 13), Wiesbaden, 81-95
  • Gertz, J.C., 2018, Das erste Buch Mose (Genesis). Die Urgeschichte Gen 1-11 (ATD 1), Göttingen
  • Goldenberg, D.M., 2017, Black and Slave. The Origins and History of the Curse of Ham (SBR 10), Berlin / Boston
  • Haynes, S.R., 2002, Noah’s Curse. The Biblical Justification of American Slavery (Religion in America Series), Oxford / New York
  • Hess, R.S., 1993, Studies in the Personal Names of Genesis 1-11 (AOAT 234), Neukirchen-Vluyn / Kevelaer
  • Hunwick, J. / Harrak, F., 2000, Mi‘rāj al-Ṣu‘ūd: Aḥmad Bābā’s Replies on Slavery, Rabat
  • Johnson, S.A., 2004, The Myth of Ham in Nineteenth-Century Christianity. Race, Heathens, and the People of God (Black Religion, Womanist Thought, Social Justice), New York
  • Lipinśki, E., 1992, Les Chanites selon Gen 10,6-20 et 1 Chr 1,8-16, ZAH 5, 135-162
  • Malamat, A., 2004, The Conception of Ham and his Sons in the Table of Nations (Gen 10:6-20), in: G.N. Knoppers / A. Hirsch (Hgg.), Egypt, Israel, and the Ancient Mediterranean World (FS Donald B. Redford; PÄ 20), Leiden, 359-360
  • Mather, C., 2010, Biblia Americana (1663-1728). America’s first Bible Commentary. A Synoptic Commentary on the Old and New Testaments. Volume I: Genesis, ed. with an Introduction and Annotations by R. Smolinski, Tübingen
  • Opferkuch, S., 2017, Ein Rausch und seine Folgen. Parallelen zwischen der Erzählung von Noah als Weinbauer (Gen 9,20-27) und ihren Auslegungstraditionen und der Bilha-Episode in TestRub 3,11-15, ZNW 108, 281-305
  • Origenes, Werke in deutscher Übersetzung Bd. 1/1. Die Kommentierung des Buches Genesis, eingeleitet und übersetzt von Karin Metzler, Berlin / Freiburg u.a. 2010
  • Rosenthal, F., 1989, The History of al-Ṭabarī (Ta’rīḫ ar-Rusūl wa-l-Mulūk). Vol I: General Introduction and From the Creation to the Flood, transl. and annot. by Franz Rosenthal, Albany, NY
  • Vervenne, M., 1995, What Shall We Do with the Drunken Sailor? A Critical Re-Examination of Genesis 9.20-27, JSOT 68, 33-55
  • Westermann, C., 1977, Genesis Bd. 1 (BK AT I/1), Neukirchen-Vluyn
  • Witte, M., 1998, Die biblische Urgeschichte. Redaktions- und theologiegeschichtliche Beobachtungen zu Genesis 1,1-11,26 (BZAW 265), Berlin / New York

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur sog „Völkertafel“ in Gen 10. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Die Trunkenheit Noahs (Giovanni Bellini; ca. 1515).
  • Abb. 3 Die Trunkenheit Noahs (Schedelsche Weltchronik; 1493). Aus: Hartmann Schedel, Liber chronicarum (Weltchronik), Nürnberg 1493, Blatt X.
  • Abb. 4 Eine der wenigen bildlichen Darstellungen, die Ham mit schwarzer Hautfarbe zeigt. Aus: Bilder-Pentateuch von Moses Dal Castellazzo, Venedig 1521. Vollständige Faksimile-Ausgabe im Originalformat des Codex 1164 aus dem Besitz des Jüdischen Historischen Instituts Warschau, hg. von Kurt Schubert und Ursula Schubert, Bd. 1, Wien 1983, Abb. 10.

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