Hupfeld, Hermann

1. Leben

Abb. 1 Hermann Hupfeld (Zeichnung von Ferdinand Justi).

Abb. 1 Hermann Hupfeld (Zeichnung von Ferdinand Justi).

Hermann Christian Karl Friedrich Hupfeld wurde am 31. März 1796 in Marburg als Sohn des Pfarrers zu Dörnberg (Grafschaft Holzappel-Schaumburg), Johann Bernhard Karl Hupfeld (1765-1823), und der Pfarrerstochter Ernestine Eberhardine Catharine Sigel (1772-1864) geboren. Nach dem Unterricht bei seinem Vater, inzwischen Pfarrer in Melsungen, und seinem Onkel Karl Christian Ferdinand Sigel (1768-1826), Pfarrer in Siglingen an der Jagst in Württemberg, besuchte er das Gymnasium in Hersfeld (heute: Bad Hersfeld). Von 1813 bis 1817 studierte er in Marburg Theologie und Philosophie, danach wurde er Gymnasialprofessor in Hanau (1819-1822). Nach seiner Habilitation in Halle an der Saale (1824) bei Wilhelm → Gesenius (1786-1842) lehrte er in Marburg zunächst als außerordentlicher Professor der Theologie (1825), dann als ordentlicher Professor für orientalische Sprachen (1827) und für Theologie (1830). In den Jahren 1831-32 bemühte er sich vergeblich um die Berufung Wilhelm Martin Leberecht → de Wettes (1780-1849) nach Marburg (vgl. Kaiser 2005, 166-212). Er selbst wechselte 1843 als Nachfolger von Gesenius nach Halle. Durch Gutachten und Stellungnahmen nahm Hupfeld auch Einfluss auf Kirche und Politik (vgl. z.B. „Nachwort“ 1831; Barnikol 1961, 613-618). Seine weitgespannten Interessen zeigen sich in der Herausgabe der Briefe seines nach Amerika ausgewanderten jüngeren Bruders. Verheiratet war Hupfeld mit der Professorentochter Marie Suabedissen (1805-1844), mit der er sechs Kinder hatte, darunter David Hupfeld (1836-1916), Superintendent in Schleusingen und Eisleben. Der Enkel Renatus Hupfeld (1879-1968) war Professor für Praktische Theologie in Bonn, Rostock und Heidelberg. Hermann Hupfeld starb am 24. April 1866 in Halle. Dort wurde sein Schüler Eduard Riehm (1830-1888) sein Nachfolger.

2. Bedeutung

Hupfeld stand als dezidiert historisch-kritischer Bibelwissenschaftler der Vermittlungstheologie nahe, ohne jedoch zu dieser gerechnet werden zu können (vgl. Kaiser 2005, 63.109.231). Durch ihn wurde die sogenannte „Neuere Urkundenhypothese“ (→ Pentateuchforschung) auf den Weg gebracht (s.u. 3.), die insbesondere mit den Namen Karl Heinrich Graf (1815-1869), Abraham Kuenen (1828-1891) und Julius → Wellhausen (1844-1918) verbunden ist. Innovativ war Hupfelds Interpretation der Biblischen Einleitung als Biblische Literaturgeschichte (s.u. 4.). Mit dem Kommentar zum Psalmenbuch trat er als Exeget hervor (s.u. 5.). Dem Leben, dem Werk und der Briefkorrespondenz Hupfelds widmete sich insbesondere Otto Kaiser (2005; 2010; 2012; 2019; vgl. noch R. Hupfeld 1963).

3. Neuere Urkundenhypothese

Das Hauptwerk Hupfelds trägt den Titel „Die Quellen der Genesis und die Art ihrer Zusammensetzung. Von neuem untersucht“ (1853). Er führt den sogenannten „Zweiten Elohisten“ in die Pentateuchforschung des 19. Jahrhunderts ein (vgl. „Quellen“, 38-56.167-195; Kaiser 2005, 113-125). Diesen hatte 50 Jahre zuvor schon Karl David → Ilgen (1768-1834) angenommen, doch war sein Vorschlag in der Zwischenzeit in Vergessenheit geraten (vgl. „Quellen“, ix-x). Der „Erste Elohist“ (die spätere → Priesterschrift) gilt Hupfeld wie vor ihm Wilhelm Martin Leberecht de → Wette (1780-1849) noch als die älteste der Pentateuchquellen. Den → Jahwist (bei ihm: „Jhvhist“) und den nur unvollständig erhaltenen „Zweiten Elohisten“ fasst er ebenfalls als selbständige sich inhaltlich nahe stehende Quellen (vgl. „Quellen“, 164.194). Von diesen beiden sei der „Zweite Elohist“ jedoch ursprünglicher und älter (vgl. „Quellen“, 193). Für die Redaktionsarbeit im Pentateuch zieht Hupfeld – wie zuvor schon Jean → Astruc (1684-1766) (vgl. Witte 1998, 3) – als Analogie die Evangelienharmonien heran (vgl. „Quellen“, 195). Die Berechtigung dieses Vergleichs ist heute umstritten (vgl. Witte 1998, 3 Anm. 10; van Seters 2006, 221). Nach Hupfelds Konzeption steht der Redaktor seinen Quellen neutral gegenüber (vgl. Witte 1998, 10f.). Das → Deuteronomium als vierte Quelle der „Neueren Urkundenhypothese“ kommt bei Hupfeld wegen der Konzentration auf das erste Buch der Bibel nur am Rande in den Blick (vgl. „Quellen“, 199). An seine literarische Einteilung konnten die späteren Vertreter der Hypothese aber unmittelbar anschließen.

4. Biblische Literaturgeschichte

Die sogenannte „Biblische Einleitung“ versteht Hupfeld als „Geschichte der heiligen Schriften Alten und Neuen Testaments, oder der biblischen Literatur“ („Begriff und Methode“ 1844, 12f.; vgl. Witte 2010, 22f.). Sie umfasst die Entstehung der Bücher, die Bildung des Kanons und die Textgeschichte (vgl. Kaiser 2005, 129). Damit eröffnete er, ähnlich wie Eduard Reuß (1804-1891) für das Neue Testament, der → Einleitungswissenschaft eine neue historische und literaturwissenschaftliche Perspektive, die sie bis heute verfolgt (vgl. z.B. Schmid 2008).

5. Psalmen

Der vierbändige Psalmenkommentar Hupfelds (1855-1862) gilt als ein wichtiges Werk der historisch-kritischen Psalmenexegese des 19. Jahrhunderts (→ Psalmen) und nimmt seinen Platz zwischen den Kommentaren von Wilhelm Martin Leberecht de Wette (1811) und Bernhard Duhm (1899) ein (vgl. Kaiser 2005, 152-159; Bauer 2009, 14f.; Seybold 2013, 592f.; Bassy 2015, 273-329). Hervorzuheben ist dabei seine zurückhaltende, nüchterne Auslegung (vgl. Kaiser 2005, 154.156). Die Psalmen gehören für ihn zur Lyrik; sie sind Ausdruck von Empfindungen (vgl. „Psalmen“, IV, 438). Sie handeln entweder von Gott selbst oder beziehen die Überzeugungen von Gott auf menschliche Verhältnisse und lassen sich auch nach formalen Kriterien einteilen (vgl. „Psalmen“, IV, 424).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, 3. Aufl., Leipzig 1896-1913
  • The Jewish Encyclopedia, New York 1901-1906
  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 1. Aufl., Tübingen 1909-1913
  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl., Tübingen 1927-1932
  • Neue Deutsche Biographie, Berlin 1953ff.
  • Dictionary of Biblical Interpretation, Nashville, TN 1999
  • Encyclopedia of the Bible and its Reception, Berlin / Boston 2009ff.
  • Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (im Internet: http://www.bautz.de/bbkl/)

2. Werke (in Auswahl)

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  • Gerland, O., Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte, 20. Band, Kassel 1863, 315-320 [bis 1862]]
  • Animadversiones philologicae in Sophoclem, Marburg 1817
  • Exercitationes Aethiopicae sive observationum criticarum ad emendandam rationem grammaticae Semiticae specimen primum, Leipzig 1825
  • De emendatione lexicographicae semiticae ratione commentiuncula, subjuncto lexilogo s. originum biliterarum specimine, in: J.W. Bickell / H. Hupfeld (Hgg.), FS A.J. Arnoldi, Marburg 1827
  • Hupfeld, Hermann, in: Justi, K.W., Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten-, Schriftsteller- und Künstler-Geschichte, 19. Band, Marburg 1831, 277-285 [= Selbstbiographie]
  • Nachwort, in: Bickell, J.W., Ueber die Reform der protestantischen Kirchenverfassung in besonderer Beziehung auf Kurhessen, Marburg 1831, 37-72
  • (Hg.) Briefe eines deutschen Ausgewanderten aus Nordamerica, besonders eine Ansiedlung in Alabama betreffend, Marburg 1834
  • Ausführliche Hebräische Grammatik. 1. Theil, 1. Abschnitt Schriftlehre in historischer Entwicklung, Kassel 1841
  • Über Begriff und Methode der sogenannten biblischen Einleitung nebst einer Übersicht ihrer Geschichte und Literatur, Marburg 1844
  • Die Quellen der Genesis und die Art ihrer Zusammensetzung. Von neuem untersucht, Berlin 1853
  • Die Psalmen. Übersetzt und ausgelegt, 4 Bände, Gotha 1855-1862; 2. Aufl. hg. von E. Riehm, 4 Bände, Gotha 1867-1871; 3. Aufl. hg. von W. Nowack, 2 Bände, Gotha 1888
  • Noch ein Wort über den Begriff der sogenannten biblischen Einleitung: ThStKr 34 (1861), 3-28
  • Hupfeld, Hermann, in: Gerland, O., Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten- und Schriftstellergeschichte, 20. Band, Kassel 1863, 306-320 [= Selbstbiographie]

3. Sekundärliteratur

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  • Barnikol, E., Karl Schwarz (1812-1885) in Halle vor und nach 1848 und die Gutachten der Theologischen Fakultät. Theologen und Minister in der Restaurations- und Reaktionszeit, Wiss. Zeitschrift der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 10 (1961), 499-633
  • Bassy, K.-H., Von Herder zu Duhm. Psalmenforschung im 19. Jahrhundert. Studien zur Forschungsgeschichte der Weisheitspsalmen, Frankfurt/M. u.a. 2015
  • Bauer, U.F.W., Rachgier – Lohnsucht – Aberwitz. Eine Analyse antijudaistischer Interpretationen und Sprachmuster in Psalmenkommentaren des deutschen Protestantismus im 19. und 20. Jahrhundert (ATM 22), Wien u.a. 2009
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  • Witte, M., Von der Analyse zur Synthese – Historisch-kritische Anmerkungen zu Hermann Gunkels Konzept einer israelitischen Literaturgeschichte, in: U.E. Eisen / E.S. Gerstenberger (Hgg.), Hermann Gunkel revisited. Literatur- und religionsgeschichtliche Studien (Exegese in unserer Zeit 20), Berlin / Münster 2010, 21-51

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Hermann Hupfeld (Zeichnung von Ferdinand Justi).

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