Korintherbrief, Zweiter

1. Aufbau

2Kor zeigt den üblichen Aufbau der Paulusbriefe: Briefeingang (1,1-11), Briefkorpus (1,11-13,10) und Briefschluss (13,11-13).

1.1. Der Briefeingang (1,1-11)

Anschrift und Gruß (1,1f.) bilden das Präskript. Die Abgrenzung des folgenden Proömiums ist umstritten: Geht es bis 1,7 oder bis 1,11? Auch wenn es Argumente für beide Lösungen gibt, spricht doch für den größeren Umfang vor allem die Beobachtung, dass das Dankgebet der Gemeinde in V. 11 die Eulogie von V. 3 aufnimmt, so dass ein Rahmen um den Abschnitt 1,3-11 entsteht. Erst mit V. 12 beginnt also das Briefkorpus. Inhaltlich kreist das Proömium um den im Leiden erfahrbaren Trost Gottes.

1.2. Das Briefkorpus (1,12-13,10)

Der Hauptteil des 2Kor lässt sich zwar relativ einfach untergliedern, aber das Verhältnis der einzelnen Abschnitte zueinander ist oft schwer zu bestimmen. Die häufig vertretene Annahme einer Uneinheitlichkeit des Briefs (vgl. u. 2.) erklärt solche Schwierigkeiten mit dem Entstehungsprozess: Unstimmigkeiten seien das Ergebnis redaktioneller Bearbeitung. Gegner dieser Deutung betonen die Notwendigkeit, den Endtext zu erklären. Ohne diese Frage hier entscheiden zu wollen, lassen sich jedenfalls die folgenden Gliederungseinheiten erkennen.

1.2.1. Thema und Anliegen (1,12-14)

Die ersten drei Verse des Briefkorpus enthalten eine thesenartige Aussage, die als Thema des Briefs die Tätigkeit des → Paulus und sein Verhältnis zur Gemeinde bestimmt. Als Anliegen des Briefs wird eine verbesserte Beurteilung dieser Tätigkeit und dieses Verhältnisses durch die Gemeinde angegeben. Ihre bereits teilweise richtige Einschätzung soll zu einer vollständig richtigen werden.

1.2.2. Rückblicke (1,15-2,13)

In einem ersten Rückblick (1,15-2,11) geht es um die Zeit, die auf den letzten Besuch in → Korinth folgte. Auf diesen Besuch geht Paulus auffälliger Weise im ganzen Brief nicht ein. Wir können ihn nur aus 12,14 und 13,1 erschließen. Andeutungen in 2,5; 7,12; 12,21 zeigen, dass er für Paulus katastrophal verlaufen ist. Offenbar hatte Paulus schon bei diesem Besuch seine baldige Rückkehr versprochen, diesen Plan dann aber mehrfach geändert. Der erste Rückblick erklärt diese Änderungen gegen anderslautende Deutungen in der Gemeinde als Rücksichtnahme (1,15-24). Um zu vermeiden, der Gemeinde und sich selbst Schmerz zuzufügen, hat Paulus keinen weiteren Besuch abgestattet, sondern einen Brief geschrieben (den sogen. Tränenbrief). Dieser Brief war für beide Seiten schon schmerzhaft genug (2,1-4), erfüllte aber seinen Zweck und brachte die Gemeinde dazu, sich von einem Gegner des Paulus zu distanzieren, dem sie nun aber verzeihen soll (2,5-11).

Mit 2,12 wird nun aber dieser Rückblick nicht fortgesetzt. Paulus versetzt sich und die Leser in die Situation zurück, als er vom Erfolg seines Briefs noch nichts wusste – also in die Situation, die erzählerisch zwischen 2,4 und 2,5 gegeben ist –, und schildert seine große Unruhe in diesem unsicheren Schwebezustand. 7,5 knüpft sehr deutlich daran an. 2,12f. und 7,5 bilden also den Rahmen um die theologische Abhandlung 2,14-7,4 und geben vor, wie diese zu lesen ist. Die grundsätzliche Legitimation seines Dienstes, die Paulus hier unternimmt, wirkt wie eine Selbstvergewisserung während des unruhigen Wartens auf Nachrichten über die Reaktion der Gemeinde auf den Tränenbrief. Das Anliegen dieser Reflexion, die in Rückblicke eingebettet ist, ist aber eigentlich auf die Gegenwart gerichtet, die ja mit der vergangenen Situation Gemeinsamkeiten hat. Auch während der Abfassung des 2Kor ist das Verhältnis zu den Korinthern noch oder wieder in der Schwebe, denn der Tränenbrief war nur ein Teilerfolg, hatte offenbar sogar zu neuen Problemen geführt. → Titus machte sich mit dem 2Kor bereits wieder auf den Weg nach Korinth (8,17), so dass Paulus erneut auf die Reaktion der Gemeinde auf seinen Brief warten musste.

1.2.3. Der Dienst des Paulus als Apostel (2,14-7,4)

In diesem Abschnitt behandelt Paulus einerseits Vorwürfe, die auf gemeindeexterne oder gemeindeinterne Gegner zurückgehen, bietet andererseits aber ohne konkreten Anlass eine Reflexion auf seinen → Dienst. Wo er welches dieser Anliegen verfolgt, ist nicht immer klar.

2,14-17 nennt das Thema (zu diesem Text vgl. u. 3.): Wer ist einer solchen Aufgabe, die – wie im Rahmen einer zweiten Danksagung formuliert wird – zu Leben oder Tod führen kann, gewachsen (2,16b)? Thetisch antwortet Paulus darauf: Er selbst ist es, denn seine Verkündigung ist aufrichtig und hat ihren Ursprung in Gott (2,17). Das wird im Folgenden näher ausgeführt.

Der Paulusdienst tritt in 3,1-4,6 an die Seite des Mosedienstes, der nicht abgewertet, aber von ihm doch weit übertroffen wird. Dieser neue Dienst des Geistes, des Lebens, der Gerechtigkeit und der Herrlichkeit scheint zur tatsächlichen Leidensexistenz des Paulus nicht zu passen. Einen solchen möglichen oder wirklich erhobenen Einwand behandelt er in 4,7-5,10. Das göttliche Leben wirkt gerade in der Schwachheit, ist aber nur Glaubenden erkennbar. Selbst der Tod kann es nicht gefährden. Diese Zuversicht wird immer wieder zum Ausdruck gebracht (2Kor 4,13.16; 2Kor 5,6.8).

Inhaltlich wird der paulinische Dienst in 5,11-6,10 als „Dienst der Versöhnung“ (5,18) bestimmt. Paulus ist → Gesandter Gottes und bietet den Menschen die Versöhnung an, die Gott durch den Tod Christi bewirkt hat. Wieder (wie schon in 4,7-12) wird seine Eignung für diesen Dienst durch einen → Peristasenkatalog nachgewiesen (6,3-10).

Die Konsequenzen der bisherigen Darlegungen enthält 6,11-7,4 mit seinen Appellen und Mahnungen zur Öffnung und zur Gemeinschaft. Wenn die Gemeinde seinen Dienst anerkennt, muss sie sich mit ihm versöhnen. Überraschend ist allerdings die Warnung vor der Gemeinschaft mit „Ungläubigen“ (6,14-7,1; vgl. u. 2.1).

1.2.4. Abschluss der Rückblicke (7,5-16)

Die Anknüpfung von 7,5 an 2,13 ist unübersehbar. Die Situation der Unsicherheit wurde schließlich durch die Rückkehr des Titus beendet, der von der Umkehr der Gemeinde berichtete. Erzählerisch ist jetzt wieder das Stadium von 2,5-11 erreicht. Im Unterschied zu diesem Text erscheint der Tränenbrief aber hier als ein uneingeschränkter Erfolg. Es ist nicht mehr davon die Rede, dass nur ein Teil der Gemeinde sich von dem „Unrechtstäter“ (7,12) distanziert hat (vgl. 2,5f.), sondern „alle“ stehen auf der Seite des Paulus (2Kor 7,13.15).

1.2.5. Die Gemeindekollekte (8,1-9,15)

Die Versöhnung der Gemeinde mit ihrem Apostel soll sich in der Wiederaufnahme einer → Geldsammlung konkretisieren, die Paulus in seinen heidenchristlichen Gemeinden durchführte, die in Korinth aber zwischendurch verzögert oder unterbrochen worden war. Davon handeln die Kapitel 8 und 9, wobei in der Abfolge der Kapitel oft eine literarkritisch relevante Wiederholung gesehen wird (vgl. u. 2.1.). Der überlieferte Text erlaubt jedenfalls nur eine grobe Gliederung: Aufforderung zur Wiederaufnahme der Kollekte (8,1-15), Hinweise zur konkreten Durchführung (8,16-9,5), abschließende Motivation (9,6-15).

1.2.6. Der Konflikt mit Gegnern (10,1-13,10)

In den Kap. 10-13 gewinnt die Auseinandersetzung, die auch in Kap. 1-9 zu spüren war, an Schärfe. Sie richtet sich nun vor allem gegen Missionare, die nicht zur korinthischen Gemeinde gehörten, aber dort gegen Paulus auftraten. Diese Gegner wurden bereits früher erwähnt (3,1; 5,12). Erst in Kap. 10-13 macht Paulus gegen sie direkt Front. Er versucht, die Gemeinde auf seine Seite zu ziehen, und will so einen dritten Besuch vorbereiten (10,2; 2Kor 12,14.20; 13,1), der weniger schmerzhaft sein soll als der zweite (2,1-4).

Dieses Anliegen formuliert Paulus in 10,1-11 mit kriegerischer Metaphorik. Wie ein machtvoller General kann er sich mit seinem persönlichen Auftreten gegen die Gemeinde durchsetzen, die ihm das teilweise nicht zutraut (2Kor 10,1.10). Ein solches Auftreten möchte er aber sich und der Gemeinde ersparen.

Sehr schwer zu verstehen ist 10,12-18. Offenbar wirft Paulus den Gegnern hier vor, sich nicht an das Jerusalemer Abkommen (vgl. Gal 2,8f.) gehalten zu haben, und verwendet die Existenz der Gemeinde in Korinth als Argument für seine Autorität als Apostel.

In 11,1-15 wird oft der Beginn der Narrenrede gesehen. Auch wenn das von V. 1 her naheliegt, treten doch in den Versen 2-15 andere Anliegen in den Vordergrund (Kritik an der Gemeinde in V. 2-11, Polemik gegenüber den Gegnern in V. 12-15). Erst 11,16-21 knüpft an 11,1 an und eröffnet die Narrenrede (11,16-12,13). In diesem Text greift Paulus immer wieder zu dem Mittel einer Maskierung als Narr, um so das gesellschaftliche Tabu des Eigenlobs zu umgehen. Solches Eigenlob ist notwendig, weil die Gegner ihrerseits offenbar keine Scheu vor Eigenlob hatten. Die verbreitete Sichtweise, Paulus stelle ihrem selbstbewussten Geltungsanspruch gerade seine Schwächen entgegen, die er paradox in Stärken umdeute, ist in dieser Pauschalität nicht zutreffend. Neben Erfahrungen, die üblicherweise als Schwächen galten (11,32f.; 12,7b-9a), die Paulus aber als Orte der Erfahrung göttlicher Kraft aufwertet, treten andere, die auch die Gegner und die Gemeinde als Ruhmestitel anerkennen mussten (11,22-29; 12,2-4). Von einer allgemeinen Umwertung kann keine Rede sein. Wie in Situationen der Stärke, so ist für Paulus auch in Situationen der Schwäche Gott am Werk. Auch peinliche (11,32f.) und schmerzvolle Erfahrungen (12,7b-9a) tragen deshalb zur Legitimation des paulinischen Apostolats bei.

Der letzte Text des Briefkorpus, 12,14-13,10, dient mit Mahnungen und Warnungen vor allem der Vorbereitung des dritten Besuchs, der für Paulus eine Herausforderung darstellt (12,19-21), bei der er sich aber durchsetzen wird (13,1-4).

1.3. Der Briefschluss (13,11-13)

Der 2Kor schließt mit den üblichen Elementen eines paulinischen Briefendes: allge­meinen Mahnungen (V. 11), Grüßen (V. 12) und einem Segenswunsch (V. 13).

2. Einheitlichkeit und Entstehungsverhältnisse

Den 2Kor als einheitlichen Brief zu verstehen, ist schwieriger als bei allen anderen Paulusbriefen. Deshalb wird er nach wie vor oft als eine Briefkompilation eingeschätzt, wobei heute einfache Entstehungsmodelle gegenüber komplizierten bevorzugt werden. Zunehmend wird aber auch im Fall des 2Kor mit einer einheitlichen Entstehung gerechnet.

2.1. Die Probleme

In den Überlegungen zum Aufbau sind einige Schwierigkeiten, die der Annahme von Einheitlichkeit entgegenstehen, bereits deutlich geworden. Dass der Rückblick 1,15-2,11 in 2,12f. nicht fortgesetzt wird, sondern Paulus sich und die Leserschaft in eine frühere Situation zurückversetzt, ist literarisch erklärbar und literarkritisch nicht relevant. Dass aber die in 2,12f. begonnene Erzählung erst in 7,5 fortgesetzt wird und dazwischen eine lange Apologie des paulinischen Amts eingeschoben ist, könnte durchaus ein Hinweis auf eine Kompilation sein, zumal sich die beiden „Ränder“, 2,13 und 7,5, offensichtlich eng aufeinander beziehen.

Ein noch größeres literarkritisches Problem ist 6,14-7,1, denn hier verbinden sich Spannungen zum Kontext mit unpaulinischen Merkmalen. 7,2 knüpft deutlich an 6,13 an, während 6,14-7,1 ein im Kontext unerwartetes Thema behandelt. Das Vokabular, die Zitationsformel, die Katenenform und die Theologie dieses Abschnitts sind für Paulus ungewöhnlich.

Von den Schwierigkeiten, die Abfolge in Kap. 8 und 9 zu erklären, wurde schon gesprochen. In beiden Kapiteln geht es um dasselbe Thema der Kollekte, deshalb ist auffällig, dass sie sich nicht aufeinander beziehen. Sie könnten sogar zu einander in Spannung stehen: In 8,1-5 scheint die Kollekte in Makedonien bereits abgeschlossen, in 9,2 dagegen scheint sie noch unabgeschlossen zu sein.

Das literarkritisch größte Problem ist aber der Übergang von Kap. 9 zu Kap. 10. Der in Kap. 1-9 weitgehend sachliche Ton wird ab 10,1 scharf und polemisch. Das nach Kap. 1-9 relativ gute Verhältnis zwischen Paulus und der korinthischen Gemeinde stellt sich in Kap. 10-13 als (durch Fremdmissionare) äußerst gefährdet dar. Paulus scheint hier sein im ersten Teil geäußertes Vertrauen (2Kor 7,4.16) verloren zu haben. In der Forschung wird oft ein Bezug zu 2,4 hergestellt, wo Paulus einen „unter vielen Tränen“ geschriebenen Brief erwähnt, der in 10-13 ganz oder fragmentarisch zu finden sein könnte. Diese Kapitel wären dann älter als die Kap. 1-9.

2.2. Die Lösungsversuche

Aus den genannten Schwierigkeiten wird auch heute noch oft geschlossen, dass der überlieferte 2Kor nicht als Einheit entstanden ist. Bei den Teilungshypothesen werden entweder zwei oder drei ursprünglich selbständige Briefe angenommen, wobei die Zuordnung der Kap. 8 und 9 und die zeitliche Abfolge dieser Briefe unterschiedlich bestimmt wird. Wichtige Hypothesen sind (A-C bezeichnet die Abfolge):

Abb. 1 Teilungshypothesen

Abb. 1 Teilungshypothesen

Die Kap. 8 und 9 werden (zusammen oder getrennt) als Teil eines der rekonstruierten Briefe oder als ein oder zwei selbständige Briefe bzw. Briefragmente eingeschätzt. Der Text 6,14-7,1 wird als paulinisch oder unpaulinisch und als ursprünglicher Bestandteil von 1-7 oder als sekundäre Einfügung angesehen, wobei alle möglichen Kombinationen vertreten werden.

Zunehmend wird aber auch mit einer einheitlichen Entstehung des überlieferten 2Kor gerechnet. Das Hauptargument für diese Annahme ist die handschriftliche Überlieferung, die den Brief durchgehend als Einheit bietet. Von den Vertreter_innen der Einheitlichkeit werden die oben genannten Schwierigkeiten relativiert, etwa indem als Gegengewicht zu den Brüchen auch auf verbindende Elemente aufmerksam gemacht wird.

2.3. Die Entstehung des 2Kor

Im Folgenden wird vorausgesetzt, dass der 2Kor in seiner heutigen Form als Einheit entstanden ist. Andere Entscheidungen in dieser Frage führen natürlich zu anderen Rekonstruktionen von Besuchen und Briefen des Paulus in bzw. nach Korinth.

Der Gründungsbesuch in Korinth, der zur Entstehung der christlichen Gemeinde dort führte, ist auf 50 / 51 zu datieren. In 1Kor 5,9 wird ein erster Brief nach Korinth erwähnt (Brief A), der zwischen 51 und 54 n. Chr. geschrieben worden sein muss und der nicht erhalten ist. Der zeitlich folgende Brief (Brief B) dürfte unser 1Kor sein; er ist wohl im Frühjahr 54 oder 55 in → Ephesus entstanden. Ungefähr zeitgleich besuchte Titus zum ersten Mal Korinth, um die Kollekte zu initiieren (2Kor 8,6). Nach 1Kor 16,5-8 wollte Paulus eigentlich bis → Pfingsten (wohl 55 n. Chr.) in Ephesus bleiben und dann über Makedonien zu einem zweiten, längeren Besuch nach Korinth reisen. Diese Planung wurde mehrfach geändert. Zunächst sollte aus dem einfachen ein doppelter Besuch werden (2Kor 1,15f.). Als aber fremde Missionare in Korinth auftraten und gegen Paulus agitierten, entschloss sich dieser kurzfristig zu einem sogen. Zwischenbesuch, der zwar nicht zweifelsfrei, aber doch mit hoher Wahrscheinlichkeit in 2Kor 12,14; 13,1 bezeugt ist. Dieser Besuch war für Paulus ein Misserfolg und eine Demütigung (2Kor 2,5; 7,12). Noch während des Zwischenbesuchs kündigte er an, die Gemeinde erneut und diesmal schonungslos besuchen zu wollen (2Kor 13,2), entschied sich dann aber, nicht selbst zu kommen, sondern von Ephesus aus einen weiteren Brief zu schicken, den sogen. Tränenbrief, der wohl von Titus überbracht wurde (2Kor 2,1-4; 7,8). Während Titus auf der Reise nach Korinth war, begann Paulus mit einer Missionsreise nach Troas bzw. in die Landschaft Troas (2,12). Die Sorge um die Gemeinde in Korinth ließ ihm aber keine Ruhe, so dass er diese vielversprechende Mission abbrach, um vorzeitig nach Makedonien abzureisen (2,13). Dort traf er Titus, der ihm gute Nachrichten brachte: Der größte Teil der Gemeinde stand auf der Seite des Paulus und hatte das Gemeindemitglied, das sich beim Zwischenbesuch gegen Paulus gestellt hatte, bestraft (7,6f.; 2,6). Dennoch gab es weiterhin ungelöste Probleme: Vorbehalte bei der Gemeinde, die durch den Tränenbrief vielleicht sogar vertieft worden waren, und die Fremdmissionare, die nach wie vor aktiv waren. Paulus schrieb in dieser Situation unseren 2Kor (Brief C, wohl 55 n. Chr.) in Makedonien, den vermutlich Titus zusammen mit zwei Brüdern überbrachte (2Kor 8,16-24). Dieser Brief ist Ausdruck der Freude des Paulus über die teilweise erreichte Versöhnung (2Kor 7,5-16) und Werbung für eine vollständige Versöhnung, die sich in der Kollekte ausdrücken soll (2Kor 8f.). Zugleich kämpft Paulus gegen seine Gegner, die diese Versöhnung verhindern wollen (2Kor 10-13). Mit Blick auf sie kündigt er einen dritten Besuch an, bei dem er, wenn nötig, schonungslos durchgreifen wird (2Kor 13,2).

Wie dieses Beziehungsdrama zu Ende ging, wissen wir nicht. Apg 20,2f.; Röm 15,26; 16,23 machen es aber wahrscheinlich, dass Paulus wirklich ein weiteres Mal nach Korinth kam und sein Kollektenprojekt zu Ende brachte; außerdem entstand bei diesem Aufenthalt der Römerbrief (56 n. Chr.). Offenbar ist es Paulus gelungen, den Konflikt in Korinth für sich zu entscheiden.

3. Ein theologisches Thema des 2Kor: Der apostolische Dienst des Paulus nach 2Kor 2,14-17

Eine Besonderheit des 2Kor ist, dass Paulus hier so deutlich wie nirgends sonst sein Selbstverständnis als Apostel erkennen lässt. In diesem Sinn ist 2Kor sein persönlichster Brief. Abschließend soll ein Text vorgestellt werden, der dieses Selbstverständnis besonders gut zum Ausdruck bringt: 2Kor 2,14-17.

Paulus beschreibt hier seinen Dienst mit reicher Metaphorik: Er ist Teil eines Triumphzugs Gottes und verbreitet so die Gotteserkenntnis. Für diejenigen, die ihn hören, entscheidet sich an ihrer Reaktion ihr Schicksal: Rettung oder Vernichtung, Leben oder Tod. Dieser Dienst hat also eine erschreckende Relevanz, weshalb in V. 16 gefragt wird: Wer ist dafür geeignet? Die Antwort gibt indirekt V. 17: Geeignet ist Paulus, denn er dient der Verkündigung Gottes mit reiner Gesinnung und spricht „aus Gott vor Gott in Christus“ – Gott ist sowohl die Quelle als auch die beurteilende Instanz seiner Verkündigung, Christus ihr Standort.

Zunächst wirkt dieser kurze Text wie ein Preis der Hoheit des Verkündigungsdienstes. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber, dass die Charakterisierung des Dienstes höchst ambivalent ist. Das liegt vor allem an der Wahl des Verbums θριαμβεύω / thriambeuō. Dieses Wort wird hier sehr unterschiedlich gedeutet und übersetzt. Die wahrscheinlichste Möglichkeit ist „im Triumphzug mitführen“ (als alternative Optionen werden vor allem vertreten: „triumphieren lassen“, „durch einen Triumphzug einen Sieg über jemanden feiern“, „öffentlich der Schande aussetzen“, „in einer Epiphanieprozession mitführen“, „bekannt machen“). Paulus ist Teil eines Triumphzugs Gottes. Dann gibt es aber immer noch zwei Möglichkeiten: Steht Paulus auf der Seite der Sieger oder der Besiegten? Wird er also als ein siegreicher General oder Soldat vorgestellt oder wenigstens als einer der Sklaven, die den Zug mit Weihrauch begleiteten? Oder gehört er zu den besiegten Anführern der Feinde, die meistens im Verlauf des Triumphes hingerichtet wurden? Der lexikalische Befund legt Letzteres nahe, denn in allen vergleichbaren nichtchristlichen Belegen ist das Objekt des Mitführens ein Besiegter. Andererseits spricht der Kontext aber dafür, Paulus zur Siegerpartei Gottes zu rechnen: der Dank an Gott (2,14), die Offenbarung des Duftes Christi durch Paulus (2,15), die „Duftwerdung“ des Paulus (2,16), seine implizierte Eignung für dieses ungeheuer wichtige Amt (2,17).

Diese Spannung lässt sich nicht in die eine oder die andere Richtung auflösen. Eine gewisse Paradoxie bleibt. Ausgangspunkt ist sicher die leidvolle Existenz des Paulus, die in das Bild eines Besiegten im Triumphzug gefasst wird. Weil diese Leidensexistenz aber von Paulus positiv gedeutet wird, verschiebt sich der Bildgebrauch, weg von ohnmächtigem Leiden, hin zu einer Feier mit Gott. Das ist eine Zumutung an die Leserschaft, wie sie für Metaphern typisch ist. Die Leser_innen müssen sich fragen, ob sie bei dieser gewagten Umdeutung mitmachen. Sind sie bereit, hier einen Triumphzug der ganz besonderen Art zu erkennen, an dem Paulus sowohl als Leidender als auch als Erwählter teilnimmt? Dieselbe Ambivalenz oder Paradoxie begegnet in den Peristasenkatalogen (4,7-12; 6,4-10; 11,23-29; 12,10), die im 2Kor häufiger sind als in allen anderen Paulusbriefen. Sie wird in 4,7 knapp so zusammengefasst: „Wir haben diesen Schatz in zerbrechlichen Gefäßen“.

Literaturverzeichnis

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Teilungshypothesen

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