Ossuar

Ossuare, sog. „Knochenkisten“, sind Kästen aus Kalkstein oder Ton, die der Zweitbestattung dienten. In ihnen wurden menschliche Knochen aufbewahrt, nachdem der restliche Körper – zwei bis drei Jahre nach dem Tod – verwest war. In Palästina wurden Ossuare nur im Chalkolithikum und in römischer Zeit verwendet.

1. Ossuare des Chalkolithikums

Bereits während des Chalkolithikums wurden Zweitbestattungen in einer dafür vorgesehenen Kiste oder einem Gefäß in der südlichen Levante vorgenommen. Die Praxis lässt sich etwa auf 4500–3700 v. Chr. datieren, verschwindet jedoch danach wieder. Die chalkolitischen Ossuare fanden sich in erster Linie an der Mittelmeerküste der Levante. Die unterschiedlichen Formen dieser Kisten und Gefäße umfasst Kisten oder Becken, Nachahmungen von architektonischen Strukturen sowie Krüge und Kratere. Während die kisten- oder beckenförmigen Ossuare aus Stein oder Ton gefertigt sein konnten, waren die anderen Typen immer aus Ton. Oftmals weisen die Behältnisse rote Bemalungen auf, die neben geometrischen Mustern auch anthropomorphe oder zoomorphe Darstellungen bieten. Die verschiedenen Formen der Behältnisse wurden als symbolische Darstellungen von Häusern, Getreidesilos, oder sogar als Kokon gedeutet. Generell taucht jedoch bei den meisten Interpretationen die Idee der Reinkarnation und Protektion der Überreste auf, die durch den Akt der Sekundärbestattung ermöglicht werden sollte. Die verschiedenen Behältnisse und deren Verzierung könnten auch für den sozialen Status und die Rolle des jeweiligen Verstorbenen stehen. In der Regel wurden nur Erwachsene in diesen Ossuaren beigesetzt (Ilan / Rowan 2019; Nativ 2008).

2. Steinossuare der frührömischen Zeit

Ossuare sind ein fester Bestandteil der Bestattungskultur Israels während der späten zweiten Tempelperiode. Sie konnten aus Stein, Holz oder Ton gefertigt sein. Die typischen im Folgenden beschriebenen Ossuare wurden aus weichem bis hartem Kalkstein gefertigt und kamen in der Zeit der aufblühenden Steinindustrie unter Herodes dem Großen auf.

2.1. Terminologie und Beschreibung

 Israel Museum, Jerusalem; Foto © Friederike Schöpf

Abb. 1 Verschiedene Ossuare aus römischer Zeit.

Der hebräische Terminus גלוסקמא gəlôsqemāh stammt von dem griechischen Wort γλωσσόχομον glōssochomon „Kiste / Kasten“. Der ebenfalls überlieferte Begriff ארזין ’ǎrāzîn könnte von אֶרֶזæræz „Zeder“ kommen und sich auf hölzerne Ossuare beziehen (Rahmani 1994, 3). Ossuare aus weichem Kalkstein haben in der Regel vier flache Beine und werden durch flache, gewölbte oder giebelartige Deckel verschlossen (Abb. 1). Die Form ist vergleichbar mit hölzernen Haushaltstruhen und Haushaltsboxen, die während der kaiserlich-römischen Zeit im Mittelmeerraum und am Schwarzen Meer beliebt waren. Exemplare aus hartem Kalkstein haben hingegen Ähnlichkeiten mit zeitgenössischen Sarkophagen (Rahmani 1994, 4-5). Die Außenseite ist schlicht oder mit nicht-figürlichen Dekorationen versehen, in einigen Fällen wurde eine rötliche oder gelbliche Farbe aufgetragen. Die Dekoration und deren Ausführung waren dabei kein Zeichen für den Status des Verstorbenen, da auch einfache Ossuare in wohlhabenden Gräbern gefunden wurden.

Manche Steinkisten tragen den Namen des Verstorbenen, dessen soziale Position sowie beruflichen Titel eingraviert. Die Größe eines Ossuars beträgt ca. 45-75 cm Länge, 25-30 cm Breite und 25-40 cm Höhe, wobei sich die Länge am Beckenknochen orientiert. Kleinere Ossuare werden oftmals als Knochenkästen für Kinder interpretiert (Magen 2002, 132-133). Die archäologischen Untersuchungen mehrerer Grabstätten in Jerusalem und Jericho deuten jedoch darauf hin, dass die Knochen vieler Kinder und Kleinkinder zusammen mit denen von Erwachsenen in einem Ossuar bestattet wurden. Nur selten wurden Ossuare mit einzelnen Kinderskeletten gefunden. Ossuare, die Skelette von mehreren Verstorbenen enthalten, sind nicht größer als diejenigen mit nur einem Toten (Peleg 2002, 69-70).

Die Knochen waren in einer bestimmten Weise in dem Kasten angeordnet. Die längsten Knochen wurden auf der Unterseite in der Länge, Arme und Hände auf der einen Seite, und Füße und Beine auf der anderen Seite beigesetzt. Die restlichen Knochen wurden oben mit dem Schädel auf der Oberseite platziert (Hachlili 2005, 462).

2.2. Produktion

Steinerne Ossuare wurden aus großen Kalksteinblöcken hergestellt, die in der Regel von Steinmetzen von Hand behauen wurden. Der Abbau fand wahrscheinlich in den bekannten Steinbrüchen für weichen Kalkstein statt, die sich in Judäa und Galiläa finden. Allerdings ist nur eine unvollendete Kiste aus einer Produktionsstätte in Jerusalem bekannt (Seligman u.a. 2008, 326). Das verwendete Kalksteinmaterial ist weich und konnte mit einfachen Werkzeugen bearbeitet werden. Die Handwerker bearbeiteten den Stein hauptsächlich mit Hammer und Meißel. Die Herstellung erforderte mehrere Schritte: Der Steinblock musste in einer rechteckigen Form bearbeitet werden, die ungefähr der Größe des vorgesehenen Knochenkastens entsprach. Das Äußere wurde mit Hammer und Meißel abgearbeitet, während ungewiss bleibt, wie das Innere entfernt wurde. Yitzhak Magen geht davon aus, dass auch das Innere mit Meißel und Hammer ausgeschabt wurde (Magen 2002, 133).

2.3. Typologie

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Abb. 2 Beispiel von Dekoration auf Ossuaren der römischen Zeit.

Die Ossuare von höherer Qualität haben meist polierte Oberflächen, während gröber hergestellte Exemplare noch deutlich die Spuren von Bearbeitung durch den Meißel zeigen.

Die typische Dekoration ist in der Regel auf den Frontseiten und zum Teil an den Seitenwänden angebracht. Deckel sind selten verziert. Die Längsseiten werden dabei oftmals in symmetrische Register geteilt, in welche wiederholende geometrische oder florale Motive eingefügt sind (Abb. 5). Seltenere Motive sind architektonische oder hellenistische Abbildungen. Aufgemalte Dekoration ist ebenfalls die Ausnahme, während kerbschnittartige Dekorationselemente oftmals mit der Verwendung von roter oder gelber Tünche ergänzt wurden (Hachlili 2005, 97-99; Rahmani 1994, 4, 7-8, siehe auch Abb. 1). Im Gegensatz zu den qualitativ hochwertig gestalteten Dekorationselementen, wurden Inschriften in hebräischen oder griechischen Buchstaben entweder grob eingekratzt, eingeschnitten oder in Tinte geschrieben (vgl. Abb. 4). Wahrscheinlich wurden die Inschriften von den direkten Verwandten ergänzt, und nicht durch die Handwerker gefertigt (Hachlili 2005, 356-357). Bei der Mehrheit der gefundenen Ossuare fehlt jedoch jede Inschrift. Ossuare, die die Überreste mehrerer Toten unterschiedlichen Geschlechts enthielten, waren meist mit dem Namen eines männlichen Toten versehen (Peleg 2002, 70).

Manche Inschriften können sogar mit schriftlichen Quellen verglichen werden, wie etwa die aramäische Namensnennung auf einem Ossuar von Hizma. Dort wird Yehohanah, die Enkelin des Hohenpriesters Theophilus, genannt, die auch bei Josephus Erwähnung findet (Antiquitates 18:123–124; Magen 2002, 135). Zu einem gewissen Ruhm gelangte die sogenannte Jakobus-Inschrift auf einem in Jerusalem entdeckten Ossuar. Die Inschrift nennt einen gewissen Ya’aqôv bar Yôsef, Bruder von Yeschûa (Jesus). Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei ihr jedoch um eine moderne Fälschung auf einem antiken Ossuar (http://www.antiquities.org.il/article_eng.aspx?sec_id=17&sub_subj_id=185, zuletzt gesehen 08.02.2021, 13.07., Silberman / Goren 2003).

2.4. Datierung und Auffindungssituation

Die ersten in Jerusalem gefertigten Ossuare werden grob in das 1. Jh. v. Chr. datiert. Allerdings ist die genaue Datierung immer noch umstritten. Funde in hasmonäischen Gräbern könnten auf eine Datierung zumindest auf die zweite Hälfte des 1. Jh.s v. Chr. hindeuten, im Übergang zur herodianischen Zeit. Andere Studien bezweifeln ein Auftauchen der Ossuare vor dem 1. Jh. n. Chr. (Altshul 2015, 2; Magen 2002, 135). Im Grunde können beide Datierungen durch die Verbindung zur Auffindesituation plausibel erklärt werden. Während die ersten verzierten Ossuare ausschließlich in Gräbern Jerusalems zu finden sind, und ca. 20-15 v. Chr. datieren, stammen vergleichbare Funde in Jericho aus der Zeit von ca. 5-10 n. Chr. Von 25-70 n. Chr. finden sich Ossuare dann in einem Umkreis von 25 km rund um Jerusalem. Nach der Zerstörung und dem Niedergang des Steinmetzhandwerks nach 70 n. Chr. setzten sich in Jerusalem die einfacheren Typen durch. In Judäa und an der Küste sind Varianten aus weichem Kalkstein belegt, und in Galiläa lassen sich grobe und undekorierte Exemplare bis ins 4. Jh. n. Chr. nachweisen. Wann genau Ossuare schließlich aus dem Gebrauch kamen, bleibt unbekannt (Hachlili 2005, 111; Rahmani 1994, 21-24).

3. Auferstehung oder Modeerscheinung? Eine neue Art des Bestattens

Die Methode des ossilegium, das Sammeln der Knochen eines Verstorbenen für eine Zweitbestattung, wurde durch verschiedene religiöse, sozioökonomische und kulturelle Gründe zu erklären versucht.

Oft wurde die Annahme vertreten, dass die individuelle Auferstehung zur Entwicklung der Ossuare geführt habe (Rahmani 1994, 53). Bei der körperlichen Auferstehung habe die Knochenkiste für die Vollständigkeit des Körpers sorgen sollen. Frühe Erwähnungen der Idee der → Auferstehung finden sich in Dan 12,2 und 2Makk 7,14. Die Auferstehung war laut schriftlicher Quellen Bestandteil der pharisäischen Ideenwelt (Josephus, Antiquitates 18:14; Bellum Iudaicum 2:162-163), wurde jedoch von anderen Gruppierungen, wie den Sadduzäern, abgelehnt. Die Essener gingen nach Josephus von der Unsterblichkeit der Seele aus, insofern wäre für sie die körperliche Auferstehung ebenfalls obsolet gewesen (Antiquitates 18:16-18; Bellum Iudaicum 2:154-157, 164-165). Diese Erklärung wird einerseits durch den archäologischen Befund, der oftmals mehrere Überreste von verschiedenen Verstorbenen in einem Ossuar zeigt, wie auch der Auffindung in priesterlichen Gräbern der Jerusalemer Sadduzäer-Elite in Frage gestellt (Altshul 2015, 3). Zudem zeigen einige Ossuare pagane Darstellungen, wie etwa römische Altäre oder Monddarstellungen (Rahmani 1994, 52, Fig. 129-130).

Auch die rabbinischen Texte geben keinen Aufschluss über eine mögliche Verbindung des Auferstehungsgedankens und der Nutzung von Ossuaren. Sie betonen lediglich die Dauerhaftigkeit von Stein, im Gegensatz zu textilem Material (Babylonischer Talmud, Traktat Semaḥot 12:8).

Wenn allerdings nicht religiöse Gründe die Veränderung in der Bestattungskultur vorangetrieben haben, welche Einflüsse könnten ebenfalls ausschlaggebend gewesen sein?

Der Trend könnte vom römischen Bestattungsritus der Einäscherung inspiriert worden sein (Altshul 2015, 3; Magness 2011, 152-154). Während des späten 1. Jh.s v. Chr. und 1. Jh.s n. Chr. praktizierten die Römer die Einäscherung ihrer Verstorbenen, um anschließend die Asche in kleine sargförmige Steinbehälter mit Giebeldeckeln (sogenannte cineraria) zu legen. Wie die römischen Steinbehälter haben auch die jüdischen Ossuare eingeschnittene Dekorationen und konnten die Überreste von mehr als nur einer Person enthalten. Da die Einäscherung in der jüdischen Religion verboten ist, wurden Knochen statt der Asche in den Kisten gelagert. Der griechisch-römische Einfluss spiegelt sich auch in der heidnischen Dekoration einiger Ossuare wider. Jüdische Ossuare aus Ton etwa sind auch aus Nordafrika bekannt, und lassen sich ins 2.-3. Jh. n. Chr. datieren (Hachlili 2005, 114). Die Unterschiede von Form und Material lassen sich durch lokal verfügbare Ressourcen und Einflüsse erklären.

Neben den Einflüssen anderer Kulturen und praktischen Gründen, spielt die gesellschaftliche Entwicklung eine wichtige Rolle. Die Bestattung von mehreren Personen in einem Ossuar, wie etwa Männer mit ihren Frauen und Kindern, oder Frauen mit ihren Kindern, lassen auf die familiäre Wichtigkeit des Bestattungsritus schließen. Unverheiratete Frauen wurden mit dem Namen ihrer Väter auf den Ossuaren beigesetzt. Die Abstammung und soziale Identität einer Familie konnten somit im Jenseits bewahrt werden. Die Idee der Individualisierung von Familien und ihren Mitgliedern beruht darauf, dass sich durch hellenistischen Einfluss Einstellungen veränderten. Während sich die traditionelle israelitische Religion, wie in der → Tora beschrieben, durch Gruppen- und Stammesidentitäten ausdrückt, erlebt die jüdische Gesellschaft des 1. Jh.s v. Chr. einen Wandel hin zur Individualisierung (McCane 2007, 239; Peleg 2002, 71). Diese wird auch ausgedrückt in der hochwertigen Dekoration der Ossuare, die auf die Großzügigkeit gegenüber dem Verstorbenen hinweist (Hachlili 2005, 373-375).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Altshul, A., Stone Vessels, Ossuaries and King Herod: Changes in Material Culture at the End of the Second Temple Period, Eretz-Israel 31 (2015), 1-5 (Hebr.)
  • Hachlili, R., Jewish Funerary Customs, Practices and Rites in the Second Temple Period (Supplements to the Journal for the Study of Judaism 94), Leiden 2005
  • Ilan, D. / Rowan Y., Expediting Reincarnation in the Fifth Millenium BCE: Interpreting the Chalcolithic Ossuaries of the Southern Levant, Oxford Journal of Archaeology 38,3 (2019), 248-270
  • Magen, Y., The Stone Vessel Industry in the Second Temple Period. Excavations at Ḥizma and the Jerusalem Temple Mount, Jerusalem 2002
  • Magness, J., Stone and Dung, Oil and Spit. Jewish Daily Life in the Time of Jesus, Grand Rapids 2011
  • McCane, B., Jewish Ossuaries of the Early Roman Period. Continuity and Change in Death Ritual, in: D.R. Edwards / C.T. McCollough (Hgg.), The Archaeology of Difference. Gender, Ethnicity, Class and the „Other“ in Antiquity (FS E.M. Meyers; AASOR 60/61), Boston 2007, 235-242
  • Nativ, A., A Note on Chalcolithic Ossuary Jars: A Metaphor for Metamorphosis, Tel Aviv 35 (2008), 209-214
  • Peleg, Y., Gender and Ossuaries. Ideology and Meaning, BASOR 325 (2002), 65-73
  • Rahmani, L.Y., A Catalogue of Jewish Ossuaries in the Collections of the State of Israel, Jerusalem 1994
  • Rutgers, L.V., The Hidden Heritage of Diaspora Judaism. Essays on Jewish Cultural Identity in the Roman World (Contributions to Biblical Exegesis and Theology 20), Leuven 2. Aufl. 1998
  • Seligman, J. / Amit, D. / Zilberbod, I., Stone Vessel Production Caves on the Eastern Slope of Mount Scopus, Jerusalem, in: Y. Rowan / J. Ebeling (Hgg.), New Approaches to Old Stones. Recent Studies of Ground Stone Artefacts, London 2008, 320-342
  • Silberman, N.A. / Goren, Y., Faking Biblical History, Archeology 56,5 (September / Oktober, 2003), 20-29

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Verschiedene Ossuare aus römischer Zeit. Israel Museum, Jerusalem; Foto © Friederike Schöpf
  • Abb. 2 Beispiel von Dekoration auf Ossuaren der römischen Zeit. Aus: Wikimedia Commons; © Golf Bravo, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 3.0 unported; Zugriff 13.2.2021

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