Potifar / Potifera

1. Der Name

Bei Potifar (hebr. פּוֹטִיפַר Pôṭîfar) und Potifera (hebr. פּוֹטִי פֶרַע Pôṭî færa‘) handelt es sich um Kurz- und Langform einer ägyptischen Namensbildung (ägyptisch p3-ḏj-p3-Rʻ), die seit der 21. Dynastie (11./10. Jh. v. Chr.) möglich und seit der 25./26. Dynastie (8./7. Jh. v. Chr.) mehrfach belegt ist. Ihr wird die Bedeutung „Der, den (der Gott) Re gegeben hat“ zugeschrieben (Görg, 2001, 161; Fieger / Hodel-Hoenes, 2007, 84; Assmann, 2018, 1448.1653f.). Die → Septuaginta hat die beiden unterschiedlichen Namensformen vereinheitlicht und liest durchweg Petephres (griechisch Πετεφρης petephrēs).

Beide Namensträger sind aber strikt voneinander zu unterscheiden. Dabei handelt es sich einmal um den ägyptischen Hofbeamten, an den Josef verkauft wurde und der ihn als seinen Hausverwalter einsetzte (Gen 37,36; Gen 39,1), und zum anderen um Josefs Schwiegervater, den Priester von On / Heliopolis (Gen 41,45.50; Gen 46,20). Görg (1996, 8ff.) nimmt für beide Namensformen eine je eigene Bedeutung an: Potifar (ägyptisch p3-ḏj-pr-‘3) = „Der, den Pharao gegeben hat“ und Potifera (ägyptisch p3-ḏj-p3-R‘) = „Der, den Re gegeben hat“. Diese Differenzierung in der Semantik des Namens passt vorzüglich zu den Ämtern, die beiden Namensträgern in der Josefsgeschichte zugeschrieben werden.

2. Potifar / Potifera in der Josefsgeschichte

Josef / Josefsgeschichte

2.1. Potifar

Eine Analyse der Beamtentitel Potifars verrät letztlich mehr über die Vorstellungen des hebräischen Erzählers über Personen und Ämter am Hof des Pharaos als über diese selbst (vgl. Rüterswörden, 1985, 47ff.). In Gen 37,36; Gen 39,1 wird Potifar als „Hofbeamter / Eunuch“ (hebr. סָרִיס sārîs) des Pharao und „Befehlshaber der Leibwache“ (hebr. שַׂר הַטַּבָּחִים śar haṭṭabbāḥîm) vorgestellt. Die erste Bezeichnung bezieht sich auf den Status (Rangtitel), den Potifar am Hof innehatte, die zweite auf die konkrete Funktion (Amtstitel), die er wahrnahm (Assmann, 2018, 1070).

Das Nomen סָרִיס sārîs' kann im Alten Testament sowohl einen „Eunuchen / Kastraten“ bezeichnen (2Kön 9,32f.; 2Kön 24,15; Jes 56,3f.; Est 1,10ff.; Est 2,3.4.15; Est 4,4 u.ö.; → Eunuchen) als auch einen hohen „Beamten / Vertrauten“ des Königs, der keineswegs zwingend Eunuch gewesen sein muss (Kedar-Kopfstein, 1986, 951ff.; Gesenius, 18. Aufl., 903). Schließlich war Potifar verheiratet, was ein Eunuchentum zwar nicht zwingend ausschließt, aber auch nicht gerade nahelegt. Und da es für Eunuchen bzw. Kastrationen im alten Ägypten relativ wenige Belege gibt, ist wohl für Potifar die allgemeinere Bedeutung „Hofbeamter“ vorauszusetzen. Das korrespondiert auch mit dem ägyptischen Ausdruck srs n prs, mit dem seit der Perserzeit (6./5. Jh. v. Chr.) „persische Hofbeamte“ bezeichnet wurden (Fieger / Hodel-Hoenes, 2007, 85).

Die Nominalverbindung שַׂר הַטַּבָּחִים śar haṭṭabbāḥîm (Gen 37,36; Gen 39,1; Gen 40,3f.; Gen 41,10.12) umschreibt den Aufgabenbereich, für den Potifar am Hof des Pharaos zuständig gewesen sei. Dabei dürfte es sich wie in 2Kön 25,8ff.; Jer 39,9ff.; Jer 40,15f.; Jer 41,10 u.ö., wo von Nebusaradan als „Oberstem der Leibwache“ (רַב־טַבָּחִים rav-ṭabbāḥîm) des babylonischen Königs Nebukadnezar die Rede ist, um eine militärische Führungsposition handeln (vgl. auch Dan 2,14). Abgeleitet ist das Nomen טַבָּח ṭabbāḥ von der in den semitischen Sprachen gut belegten Wurzel טבח ṭbḥ „kochen / schlachten“. Daher ist der טַבָּח ṭabbāḥ seiner Grundbedeutung nach ein „Koch“ oder ein „Schlachter“ (1Sam 9,23f.). Und da das Schlachten / Töten von Tieren in der Regel Männersache war (Gen 18,7; Ri 6,19; 1Sam 25,11), liegt es nahe, dass das Lexem טבח ṭbḥ auch auf die Ausübung militärischer Tätigkeiten übertragen wurde (Hamp, 1982, 303). So ist davon auszugehen, dass Potifar die Funktion des Befehlshabers der pharaonischen Leibwache ausübte. Nach der Episode mit seiner Frau ließ er Josef ins Gefängnis werfen (Gen 39,7-23). Stand ihm daher auch die Befehlsgewalt über das pharaonische Gefängniswesen (→ Kerker) zu sowie die Funktion des „Scharfrichters“, der für die Hinrichtungen verantwortlich zeichnete (Gunkel, 6. Aufl. 1963, 410; Görg, 1990, 15f.)?

Nach allem, was sich aus den Ämtern und Titeln Potifars erschließen lässt, stellte ihn der Erzähler der Josefsgeschichte als eine wichtige Persönlichkeit am Hof des Pharao vor, die Josef von den Midianitern / Ismaelitern kaufte (Gen 37,6; Gen 39,1). Er erkannte bald die Tüchtigkeit des hebräischen Jünglings (Gen 39,3), schenkte ihm sein Vertrauen und setzte ihn zum Verwalter seines Hauses und seiner persönlichen Güter ein (Gen 39,3f.). Erst durch die falschen Anschuldigungen der Frau Potifars gegen Josef sah sich sein Herr gezwungen, ihn ins Gefängnis werfen zu lassen, was zur Trennung ihrer Wege führte.

2.2. Potifera

Von Potifera, mit dessen Tochter → Asenat der Pharao Josef verheiratete (Gen 41,45.50; Gen 46,20), nachdem er rehabilitiert und zum zweiten Mann im Staat erhoben worden war, wird berichtet, er sei „Priester in On“ (hebr. כֹּהֵן אֹן kohen ʼOn) gewesen. On (ägyptisch ʼjwnw) ist der ägyptische Name von → Heliopolis (griechisch Ἡλίου πόλις hēliou polis = „Sonnenstadt“), dem bedeutendsten religiösen Zentrum des alten Ägypten, in dem der Kult des Schöpfungsgottes Atum und des Sonnengottes → Re-Harachte in besonderer Weise gepflegt wurde (Görg, 1995, 112; Fieger / Hodel-Hoenes 2007, 196ff.).

Angesichts der außerordentlichen Bedeutung, die der Erzähler Josef mit seiner Erhöhung durch den Pharao zugeschrieben hat, dürfte er bei dem „Priester von On“ nicht an irgendeinen subalternen Vertreter der priesterlichen Hierarchie gedacht haben, sondern eher an den Oberpriester. Dieser war im Neuen Reich entweder selbst Angehöriger der königlichen Familie oder wurde vom Pharao ernannt (Fieger / Hodel-Hoenes 2007, 203). Die Verheiratung mit seiner Tochter sollte wohl für israelitische Leser die außergewöhnliche Stellung und Würde unterstreichen, die Josef in Ägypten erlangt habe. Dass ein Erzähler der Königszeit (8./7. Jh. v. Chr.) und seine Leser offensichtlich noch keinen Anstoß daran nahmen wie die späteren Deuteronomisten (Ex 34,16; Dtn 7,3f.; 1Kön 11,1ff.; Esr 10; Neh 13,1-3; → Deuteronomismus), dass Josef mit einer Nichtisraelitin und dazu noch der Tochter des Priesters eines bedeutenden ägyptischen Kultzentrums verheiratet wurde, spricht dafür, dass er „sogar auf dem sensiblen Feld der Gottesverehrung keine Ägyptophobie“ kannte (R. Kessler, 2002, 138).

3. Wirkungsgeschichte

3.1. Potifar

Die Wirkungsgeschichte des biblischen Potifar verdankt dieser weniger seiner eigenen Person als vielmehr dem unrühmlichen Verhalten seiner Frau. So kam es zu einer vielfältigen Darstellung des Versuchs der Verführung des keuschen Josef durch Potifars Weib (Gen 39,7-18). Ob dem hebräischen Erzähler von Gen 39 dabei ursprünglich das ägyptische „Zweibrüdermärchen“ als Vorlage und Motivspender diente, ist in der Forschung umstritten (vgl. Lux, 3. Aufl. 2020, 115f.)

Bei den Rabbinen ist es Josef und nicht Potifar, dem in dieser fatalen Angelegenheit ein positives Zeugnis ausgestellt wird (Babylonischer Talmud, Traktat Joma 35b; Sota 36b; Text Talmud). Philo von Alexandrien (20 v. Chr. - 50 n. Chr.) stellt in seiner Schrift De Josepho die Entwicklung Josefs zum idealen Staatsmann dar. Dabei spielte Potifar eine wichtige Rolle, indem er ihn zum obersten Verwalter seines Hauses eingesetzt habe, eine Vorschule für seinen späteren Staatsdienst. Allerdings sei es letztlich doch nicht Potifar gewesen, der ihn zu dem machte, was er wurde, sondern es habe bereits in der Natur Josefs selbst gelegen, über Häuser, Städte und Länder zu herrschen (De Josepho 8; Text gr. und lat. Autoren). Josephus hingegen weiß in seinen „Jüdischen Altertümern“ Potifar / Petephres deutlicher zu würdigen. Er habe Josef hoch in Ehren gehalten, ließ ihn in den freien Künsten unterrichten und besser verpflegen als seine übrigen Diener (Antiquitates II,91; Text gr. und lat. Autoren). Diese Vorzugsbehandlung fand aber durch die Affäre mit seiner Frau ein jähes Ende. Anders dagegen wird Potifar in der 12. Sure des Koran (Text Koran), der sogenannten Josefssure, als ein gerechter Herr und weiser Richter gewürdigt, der im Unterschied zur biblischen Überlieferung die falschen Anschuldigungen seiner Frau gegen Josef aufdeckt und diesen von aller Schuld freispricht (Lux, 3. Aufl. 2020, 294ff.).

Abb. 1 Josef und Potifars Weib (Jean Baptiste Nattier; 18. Jh.).

Abb. 1 Josef und Potifars Weib (Jean Baptiste Nattier; 18. Jh.).

Dass schließlich die Erzählung über Josef und Potifars Weib in der Malerei und der europäischen Literaturgeschichte von Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausens „Historie vom keuschen Joseph“ (1667) bis hin zur monumentalen Romantetralogie Thomas Manns „Josef und seine Brüder“ eine breite Rezeptionsgeschichte erfuhr, verwundert wenig.

3.2. Potifera

Der Oberpriester von On / Heliopolis, Potifera, erfuhr hingegen weniger Beachtung. Allerdings kommt ihm und nicht dem Pharao in dem antiken griechisch verfassten Roman → „Joseph und Aseneth“ (1. Jh. n. Chr.) das Verdienst zu, mit Taktgefühl und Geschick die Ehe seiner Tochter Aseneth mit Joseph in die Wege geleitet zu haben.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001

2. Weitere Literatur

  • Assmann, J., in: Th. Mann, Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Joseph und seine Brüder 8/2, Frankfurt a.M. 2018.
  • Ebach, J., Genesis 37-50 (HThKAT), Freiburg u.a. 2007.
  • Feichtinger, D., Josef und die Frau des Potifar: Eine exegetische und literaturvergleichende Untersuchung von Gen 39 (Exegese in unserer Zeit. Kontextuelle Bibelinterpretationen), Wien / Münster 2019
  • Fieger, M. / Hodel-Hoenes, S., Der Einzug in Ägypten. Ein Beitrag zur alttestamentlichen Josefsgeschichte, Bern u.a. 2007.
  • Görg, M., Die Amtstitel des Potifar, BN 53 (1990), 14-20.
  • Görg, M., Die Beziehungen zwischen dem alten Israel und Ägypten. Von den Anfängen bis zum Exil (EdF 290), Darmstadt 1997.
  • Görg, M., Art. Heliopolis, in: NBL, Bd. 2, Düsseldorf / Zürich 1995, 112-113.
  • Görg, M., Potifar und Potifera, BN 85 (1996), 8-10.
  • Görg, M., Art. Potifar / Potifera, in: NBL, Bd. 3, Düsseldorf / Zürich 2001, 161-162.
  • Gunkel, H., Genesis, Berlin 6. Aufl. 1963.
  • Hamp, V., Art. טַבָח ṭaḇāḥ, in: ThWAT, Bd. 3, Stuttgart u.a. 1982, 302-306.
  • Jacob, B., Das Buch Genesis, Stuttgart 2000.
  • Kedar-Kopfstein, B., סָרִיס sārîs, in: ThWAT, Bd. 5, Stuttgart u.a. 1986, 948-954.
  • Kessler, R., Die Ägyptenbilder der Hebräischen Bibel. Ein Beitrag zur neueren Monotheismusdebatte (SBS 197), Stuttgart 2002.
  • Lux, R., Josef. Der Auserwählte unter seinen Brüdern (BG 1), 3. Aufl., Leipzig 2020.
  • Morenz, S., Art. Potiphar, in: BHH, Bd. 3, Göttingen 1966, 1481.
  • Morenz, S., Art. Potiphera, in: BHH, Bd. 3, Göttingen 1966, 1481.
  • Redford, D.B., A Study of the Biblical Story of Joseph (Genesis 37-50), (VT.S 20), Leiden 1970.
  • Rüterswörden, U., Die Beamten der israelitischen Königszeit. Eine Studie zu śr und vergleichbaren Begriffen (BWANT 117), Stuttgart u.a. 1985.
  • Seebass, H., Genesis III. Josephsgeschichte (37,1-50,26), Neukirchen-Vluyn 2000.
  • Westermann, C., Genesis 37-50 (BK I/3), Neukirchen-Vluyn 1982.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Josef und Potifars Weib (Jean Baptiste Nattier; 18. Jh.).

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