Preis / preisen (AT)

1. Allgemeine Definition

Preis bzw. preisen ist eine Sprechhandlung, mit der die Sprecherin oder der Sprecher Wertschätzung und Anerkennung gegenüber einer Person oder einer Sache zum Ausdruck bringt und deren Vorzüge hervorhebt. Synonyme Verben sind „loben“, „ehren“, „rühmen“ oder „verherrlichen“. Das Preisen kann in direkter Anrede an das gepriesene Objekt oder in der Rede in 3. Person erfolgen. In religiösen Kontexten begegnen insbesondere Gottheiten als Objekte des Preisens.

Das Preisen bzw. Loben ist nicht immer eindeutig vom → Danken abzugrenzen; das Danken kann sogar als eine Weise des Lobens begriffen werden (Westermann). Allerdings hat Dank einen stärker subjektiven, reaktiven und reziproken Charakter: Er ist Erwiderung und Gegenleistung für eine zuvor vom Subjekt empfangene Gabe oder Wohltat. Dank richtet den Fokus auf die Gabe bzw. Wohltat; Preis orientiert sich eher am Urheber der Wohltat oder erfolgt gar unabhängig von einer vom Subjekt erfahrenen Wohltat. Hinter dem Dank steht das Gefühl der Dankbarkeit, hinter dem Lob das der Bewunderung.

2. Terminologie

Unter den hebräischen Termini für „Preis / preisen“ stechen drei Verben in ihrer Häufigkeit besonders heraus, deren Bedeutungsspektrum zugleich die Schwierigkeit einer klaren terminologischen Abgrenzung deutlich macht. Am eindeutigsten lässt sich dieser Bedeutung das Verb הלל hll II Pi. zuordnen, das mit „loben“, „preisen“ oder „rühmen“ wiedergegeben werden kann (vgl. das Substantiv תְּהִלָּה təhillā „Ruhm / Lobpreis“). ידה jdh II Hif. kann synonym dazu gebraucht werden (vgl. das Nebeneinander in Jes 38,18; Ps 35,18; 1Chr 16,4 u.ö.), oszilliert aber stärker zwischen den Bedeutungen „preisen“ und „danken“ (vgl. das Substantiv תּוֹדָה tôdā „Preis / Dank / Dankopfer“) und kann außerdem „bekennen“ meinen. ברך brk II Pi. (im Qal nur Partizip passiv) hat die Grundbedeutung → „segnen“ bzw. „mit heilvoller Kraft ausstatten“, umfasst aber auch andere Formen zusprechender Rede („gratulieren / glücklich preisen“) und mit göttlichem Objekt die Bedeutung „preisen“.

Als weniger häufig gebrauchte Verben des Preisens sind zu nennen: גדל gdl Pi. „groß machen / erheben“, זכר zkr Hif. „preisend erwähnen“, כבד kbd Pi. „ehren / verherrlichen“, נוה nwh II Hif. „verherrlichen / preisen“ (Hapaxlegomenon in Ex 15,2), רום rûm Pol. „erheben“, שׁבח šbḥ I Pi. „loben / preisen“.

Die in Dan 2-6 gebrauchten aramäischen Verben des Preisens sind überwiegend äquivalent zu den genannten hebräischen: ברך brk II Pa. „preisen“, הדר hdr Pa. „verherrlichen“, ידה jdh Haf. „preisen“, רום rûm Pol. „erheben“, שׁבח šbḥ I Pa. „loben / preisen“.

Der Konkordanzbefund offenbart eine semantische Nähe der Verben des Preisens zu a) Verben der → Freude und des Jubels, b) Verben des → Musizierens, c) Verben der → Proskynese sowie d) Verben des Erzählens und Verkündigens.

Zu den Texten, die für das Thema „Preis / preisen“ zu berücksichtigen sind, gehören allerdings nicht nur Stellen, die Begriffe aus dem Wortfeld „Preis / preisen“ enthalten, sondern auch solche Texte, die in ihrer Pragmatik preisenden Charakter haben, ohne den Sprechakt des Preisens explizit zu benennen.

3. Menschen und Städte preisen

In der Hebräischen Bibel werden bestimmte Menschen aufgrund besonderer Leistungen, Fähigkeiten und Eigenschaften oder aufgrund eines besonderen Status gepriesen. Unter ihnen ist allen voran der → König zu nennen. In 2Chr 23,12 preist (הלל hll) das Volk den neu gekrönten König → Joasch. Rückblickend lobt die deuteronomistische → Geschichtsschreibung die Könige → Hiskia und → Josia und hebt sie unter den übrigen Königen Judas besonders hervor (2Kön 18,3-8; 2Kön 23,25; → Deuteronomismus). In Ps 45,18 wird der angeredete König auf eine Weise gepriesen wie sonst nur JHWH: „Preisend erwähnen (זכר zkr) will ich deinen Namen von Generation zu Generation; darum werden Völker dich preisen (ידה jdh) für immer und ewig.“ Ps 45 hat insgesamt den Charakter eines an den König gerichteten Preisgedichts; es stellt u.a. seine → Schönheit, militärische Stärke und → Gerechtigkeit heraus. Militärische Leistungen werden auch von → David gerühmt. Über ihn ist das Preislied überliefert: „Saul hat seine Tausende erschlagen, aber David seine Zehntausende“ (1Sam 18,7; 1Sam 21,12; 1Sam 29,5). Schönheit als Gegenstand des Preisens findet sich noch bei → Sarai (Gen 12,14f), → Absalom (2Sam 14,25) und der Frau im → Hohelied (Hhld 6,9; vgl. außerdem die Beschreibungs- und Bewunderungslieder des Hoheliedes). Nach Spr 31,10-31 ist die „tüchtige Frau“ hingegen nicht ihrer Schönheit, sondern ihrer vielseitigen Fähigkeiten und nicht zuletzt ihrer Gottesfurcht wegen zu preisen (vgl. Spr 31,28.30f; → Frauen in der Literatur). Der Weise wird aufgrund seines Verstandes gepriesen (Spr 12,8). Eine Lobrede auf seine → Weisheit erfährt → Salomo vonseiten der Königin von Saba (1Kön 10,6-9). Der Jakobssegen hebt → Juda unter dessen Brüdern heraus, indem diese ihn preisen (etymologisierendes Wortspiel zwischen יְהוּדָה jəhûdā und ידה jdh) und sich vor ihm niederwerfen sollen (Gen 49,8). In Ez 26,17 ist eine Stadt Objekt des Preisens: Die Klage über → Tyros stellt ihrem einstigen Status als „gepriesene (הלל hll) Stadt“ kontrastiv ihren nun erfolgten Untergang gegenüber. Im Unterschied zu dieser Stadtuntergangsklage ist das Zionslied Ps 87 ein Preislied auf die Gottesstadt Zion.

In der deuterokanonischen Literatur sind Lobreden auf → Judas Makkabäus (1Makk 3,3-9) und auf den Hasmonäer Simeon (1Makk 14,4-15) anzutreffen. Das ausgedehnteste Lob auf Menschen liegt im „Lob der Väter“ (hebräische Überschrift: שׁבח אבות עולם šbḥ ’bwt ‘wlm „Lob der Väter der Vorzeit“) in Sir 44-50 vor: Dort werden Männer der Vergangenheit von Henoch (bzw. schon Adam: Sir 49,16 [Lutherbibel: Sir 49,19]) bis zum Hohepriester Simeon (II.) gepriesen. Umrahmt wird dies aber vom Gotteslob, und so ist die Preisung der ruhmreichen Männer gleichzeitig „das Lob des Gottes […], dem diese Männer, Schlüsselfiguren der Geschichte Gottes mit seinem Volke, gedient haben“ (Spieckermann 2014, 117).

4. Gott preisen

4.1. Vorkommen

4.1.1. Hebräische Bibel

In narrativen Texten des Pentateuch und der Vorderen Propheten kommt Gotteslob nur sporadisch vor (z.B. Gen 14,20; Gen 29,35; Ex 18,10; 1Kön 8,33.35), ebenso wie in prophetischen Texten (z.B. Jes 6,3; Jes 42,10-12; Jes 62,9; Jo 2,26). Drei Textbereiche bzw. Textsorten sind jedoch besonders stark vom Gotteslob geprägt:

1) Das Buch des Gotteslobs par excellence ist der Psalter (→ Psalter). Darauf weist schon die in der jüdischen Tradition verwendete Buchbezeichnung תְּהִלִּים təhillîm bzw. סֵפֶר תְּהִלִּים sefær təhillîm „(Buch der) Lobpreisungen“. Lobpsalmen (Hymnen) und andere hymnische Elemente verteilen sich über weite Teile des Psalters. Eine hervorgehobene Rolle spielt das Gotteslob vor allem in den Psalmenbüchern IV und V (Ps 90-150). Hier finden sich ganze Cluster von Hymnen (z.B. Ps 95-100; Ps 145-150). Ab Ps 104 übernehmen hymnische Formeln (→ Halleluja- und Hodu-Formeln, siehe dazu 4.2.) eine strukturierende Funktion, indem sie überschriftlose Hymnen zu Ketten zusammenschließen (Ps 104-107; Ps 111-118; Ps 135-136). Im sog. Kleinen → Hallel (Ps 146-150) ist sogar jeder Psalm durch ein Halleluja gerahmt, wodurch der Psalter einen starken hymnischen Schlussakzent erhält. Den Psalter kennzeichnet so insgesamt tendenziell eine Bewegung von der Klage zum Lob, die in die abschließende Aufforderung zum universalen Gotteslob mündet (Ps 150,6). Die Akzentuierung des Gotteslobs verdankt sich jedoch erst jüngeren Entwicklungen in der Entstehungsgeschichte des Psalters (Krusche, 414-417). Zu diesen Entwicklungen gehört auch die Fünfteilung des Psalters durch die vier Schlussdoxologien (Ps 41,14; Ps 72,18f; Ps 89,53; Ps 106,48), die nicht nur in Analogie zur Fünfteilung der Tora erfolgt ist, sondern dem Psalter auch eine Lobstruktur verleiht.

2) Auch viele der Psalmen außerhalb des Psalters sind ganz oder teilweise vom Gotteslob bestimmt (→ Psalmen außerhalb des Psalters). Innerhalb der erzählenden Literatur sind hier insbesondere das Schilfmeerlied und das Mirjamlied (Ex 15,1-18.21), das Moselied (Dtn 32,1-43), das Deboralied (Ri 5), das Lied der Hanna (1Sam 2,1-10), das Danklied Davids (2Sam 22 [par. Ps 18]) und der Hiskiapsalm (Jes 38,9-20) zu nennen. Diese Lieder antworten auf Heilstaten JHWHs und / oder stehen am Lebensende bedeutender Personen. Sie dienen dazu, die Geschichte theologisch zu deuten und JHWHs Geschichtshandeln zu vergegenwärtigen (Levin). In der prophetischen Literatur finden sich Lieder mit preisendem Inhalt, die auf JHWHs eschatologisches Heilshandeln reagieren und daher erst in der Zukunft zu singen sind (Jes 12; Jes 25,1-5; Jes 26,1-6).

 Aus: J. Eggler / O. Keel, Corpus der Siegel-Amulette aus Jordanien. Vom Neolithikum bis zur Perserzeit (OBO.SA 25), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 2006, 192f (Nebo Nr. 1). Mit Dank an © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 1 Ein Leierspieler und ein Doppelpfeifenspieler vor einem Sichelmondemblem, das von einem Stern, zwei Scheiben und einer Zypresse flankiert wird (Rollsiegel, Nebo [Jordanien], Ende 8.-7. Jh. v. Chr.).

3) Unter den erzählenden Büchern hat die Chronik ein außerordentliches Interesse am Gotteslob (→ Chronikbücher). Sie lässt nicht nur David das Singen eines längeren Psalms in Auftrag geben (1Chr 16,7-36), der aus hymnischen Stücken aus Ps 105; Ps 96 und Ps 106 zusammengesetzt ist, sondern auch die aus dem Psalter bekannte Hodu-Formel, die „für den Chronisten Inbegriff des kultischen Gotteslobs überhaupt“ ist (Koch), wird mehrfach zitiert oder klingt an (1Chr 16,41; 2Chr 5,13; 2Chr 7,3.6; 2Chr 20,21). Das Gotteslob ist hier eng mit der Tempelmusik und den levitischen Sängergilden (den Nachkommen → Asafs, → Hemans und → Jedutuns) verbunden, aber auch die Kultgemeinde stimmt in das Gotteslob ein (1Chr 16,36; 1Chr 29,20 u.ö.). Die Einrichtung der Tempelmusik (Sängergilden, Musikinstrumente) wird auf David zurückgeführt (1Chr 15,16; 1Chr 23,5; 1Chr 25; 2Chr 7,6). Musikalisches Gotteslob erklingt im Kontext kultischer Feiern (Aufstellung der → „Bundeslade“: 1Chr 16; → Einweihung des Tempels: 2Chr 5-7; → Mazzotfest: 2Chr 30,21) wie auch in der Situation militärischer Bedrohung und deren Überwindung (2Chr 20). Die Informationen der Chronik zu Tempelmusik und Gotteslob erlauben weniger Rückschlüsse über die Zeit des Ersten Tempels, sondern allenfalls über die des Zweiten Tempels bzw. wollen keine realistische Darstellung, sondern eine theologische Deutung bieten (vgl. Grund).

4.1.2. Deuterokanonisches und apokryphes Schrifttum

Apokryphen

In Jdt 16,1-17; Tob 13 und Sir 51,1-12 (Lutherbibel: Sir 51,1-17) finden sich Loblieder bzw. Lobgebete jeweils gegen Ende des Buches. Die Erzählungen bzw. Weisheitslehren münden so ins Gotteslob und machen damit das übergeordnete Ziel dieser Schriften deutlich. Im hebräischen Manuskript B des → Sirachbuches ist in Sir 51,12a-o ein weiterer Hymnus bezeugt, der sich in Form und Sprache stark an die Psalmen anlehnt (vgl. besonders Ps 136; Ps 148,14). Entscheidend durch die Psalmen inspiriert ist auch der Gesang der drei Männer im Feuerofen in ZusDan 3,27-66 (vgl. besonders Ps 148; Ps 136,1-2). Darüber hinaus gibt es in der deuterokanonischen Literatur weitere Hymnen sowie Gebete mit hymnischen Passagen (z.B. Weish 9,1-3; Sir 18,1-7; Sir 39,12-35 [Lutherbibel: Sir 39,16-41]; Sir 42,15-43,33; ZusEst 2,1-3; ZusDan 3,2f; GebMan 1,1-8; PsSal 2,33-37; 3,1-2; 5,1-2; 10,5-7).

4.1.3. Qumran

Unter den Handschriften vom Toten Meer (→ Qumran-Handschriften) sind einerseits auch aus der Hebräischen Bibel bekannte Texte mit preisendem Inhalt belegt, allen voran die Psalmenhandschriften. Unter diesen ist besonders die Psalmenrolle 11QPsa (11Q5) hervorzuheben, auf der überwiegend hymnische Psalmen aus dem Bereich von Ps 93-150 – in Auswahl, veränderter Anordnung und ergänzt um weitere Texte (z.B. Ps 151; 154; 155; Sir 51) – zu finden sind. Außerdem sind zahlreiche weitere hymnische Kompositionen erhalten, die oft stark durch Psalmen- bzw. allgemeiner durch biblische Sprache geprägt sind. Die prominentesten davon sind die Hodajot („Loblieder“: 1QHa, ediert in DJD XL; siehe → Qumran-Handschriften, 4.7.). (Eine Auflistung hymnischer Texte und Kompositionen aus Qumran bietet Chazon.)

4.1.4. Personennamen

Neben den Texten sind als religionsgeschichtliche Quellen auch theophore → Personennamen erwähnenswert. Unter den biblisch und epigraphisch bezeugten althebräischen Personennamen gibt es einige Namen mit preisendem Inhalt (siehe dazu Noth, 145-147; Albertz / Schmitt, 325-330.571-575). Beispiele dafür sind → Gedalja (גְּדַלְיָהוּ Gədaljāhû bzw. גְּדַלְיָה Gədaljā „JHWH ist groß“ [vgl. dazu Ps 104,1 u.ö.]), → Joram (יְהוֹרָם jəhôrām bzw. יוֹרָם jôrām „JHWH ist erhaben“ [vgl. dazu Ps 99,2 u.ö.]) sowie die als rhetorische Fragen formulierten Namen → Michael (מִיכָאֵל mîkhā’el „Wer ist wie El“) und → Michajahu (מִיכָיָהוּ mîkhājāhû bzw. מִיכָיָה mîkhājā „Wer ist wie JHWH“ [vgl. dazu Ps 113,5 u.ö.]). Die preisenden Namen bilden unter den Personennamen zwar nur eine relativ kleine Gruppe, zeigen aber, dass das Gotteslob auch in der familiären Frömmigkeit eine Rolle spielte.

4.1.5. Althebräische Inschriften

In den althebräischen Inschriften finden sich nur vereinzelt Aussagen, die sich als Gotteslob einstufen lassen. In einer Inschrift aus Kuntillet ‘Aǧrūd (→ Kuntillet ‘Aǧrūd; Koordinaten: 0948.9554 N 30° 11' 35'', E 34° 25' 16''; 9. Jh. v. Chr.) richtet sich dieses an den Gott Baal: brk b‘l bjm mlḥ[mh] „Gepriesen sei Baal am Tage des Krie[ges …]“ (KAgr[9]:7). Die Inschrift A von Chirbet Bēt Lajj (Koordinaten: 1430.1080; N 31° 33' 50'', E 34° 55' 42''; frühes 7. Jh. v. Chr.) bekennt und preist JHWH, den „Gott Jerusalems“, als Eigentümer der „Berge Judas“ und zugleich als „Gott der ganzen Erde“ (BLay[7,]1). Das Amulett 1 der Silberamulette von Ketef Hinnom (spätes 6. oder 5. Jh.) enthält fragmentarisch einen Lobpreis auf JHWH mit Begründung (KH1, Z. 2b-14a), die unter Verwendung einer auch biblisch bezeugten Formel (Dtn 7,9; Dan 9,4; Neh 1,5; vgl. 1Kön 8,23; Neh 9,32; 2Chr 6,14) seine Bundestreue sowie sein erlösendes Handeln preist. Das Amulett 2 prädiziert ihn knapp als Helfer gegen das Böse (KH2, Z. 3-5a). Dass diese Texte auf → Amuletten verschriftet wurden, zeigt, dass dem preisenden Bekenntnis zu JHWH in Verbindung mit dem darauffolgenden Segen (KH1, Z. 14b-19; KH2, Z. 5b-12) Schutzfunktion – und zwar bis ins Grab hinein – zugeschrieben wurde (Berlejung).

4.1.6. Alter Orient

Gotteslob ist eine Grundkonstante der Religionsgeschichte und ist daher – wenig überraschend – auch in der altorientalischen Umwelt belegt. Von den ägyptischen Götterhymnen (→ Hymnen und Gebete (Ägypten)) stammen die meisten aus der Zeit des → Neuen Reiches und aus späterer Zeit; sie sind mehrheitlich an die Sonne bzw. die Sonnengottheit adressiert. Besonders bekannt ist der sog. Große Sonnenhymnus des Echnaton (→ Aton / Aton-Hymnen, 3.5.), der den Sonnengott Aton als Schöpfer und Erhalter der Welt und des Lebens preist. In der sumerischen Literatur gibt es zahlreiche Götterhymnen, in denen unterschiedliche Götter gepriesen werden (ETCSL 4.01-4.33). Unter den akkadischen Quellen finden sich weniger Kompositionen, die durchgängig hymnischen Charakter haben, als hymnische Passagen innerhalb von Gebeten oder epischen Erzählungen (von Soden). Beispiele sind etwa die preisende Ausdeutung der 50 Namen Marduks im babylonischen Schöpfungsepos → Enuma Elisch VI 123-VII 132 (TUAT.NF VIII, 88-132) oder die babylonische Lehrdichtung Ludlul bēl nēmeqi (TUAT III/1, 110-135), die mit einem Hymnus auf Marduk beginnt und die entsprechend ihren Eingangsworten („Ich will preisen den Herrn der Weisheit“) einen hymnischen Titel trägt. – Zu weiteren hymnischen Texten aus der Umwelt des Alten Testaments siehe TUAT.NF VII.

4.2. Kommunikative Aspekte

1) Subjekte des Gotteslobs: a) In den meisten Fällen präsentieren die biblischen Texte menschliche Individuen oder Kollektive, die Gott preisen oder zum Gotteslob aufgefordert werden. Das Individuum kann ein einzelner anonymer Beter (z.B. Ps 146,1f), ein israelitischer König (z.B. 1Kön 8,56), ein ausländischer König (z.B. Dan 4,31f.34) oder eine andere Führungsgestalt wie Mose (Ex 15,1-18) oder Debora (Ri 5) sein. Als menschliche Kollektive sind zu nennen: Gruppen frommer Laien (z.B. Ps 140,14), levitische Sängergilden (z.B. 2Chr 5,11-13), das Volk Israel (z.B. Ps 118,2) und die Völker (z.B. Ps 117,1). Die Toten hingegen können Gott nicht mehr loben (Jes 38,18; Ps 6,6; Ps 30,10; Ps 88,11-13; Ps 115,17; Sir 17,12-13 [Lutherbibel: Sir 17,10-11]; Bar 2,17; vgl. auch 11QPsa XIX 1f [„Plea for Deliverance“]). b) An einigen Stellen treten transzendente Wesen als Subjekte des Preisens Gottes auf. Dazu gehören Götter bzw. → Göttersöhne (z.B. Dtn 32,43 [nach 4QDeutq und LXX]), → Engel (z.B. Ps 103,20) und → Serafim (Jes 6,3). c) Schließlich kann die gesamte Schöpfung – inklusive der unbelebten Natur – in das Gotteslob einstimmen (z.B. Ps 148). – Dass ideell ausländische Großkönige, die ganze Völkerwelt, die Göttersphäre und die Schöpfung als Subjekte des Gotteslobs gedacht werden, offenbart das universale Gottesbild und den theologischen Anspruch dieser Texte.

2) Objekte des Gotteslobs: Die Hebräische Bibel weiß davon zu berichten, dass auch Menschen anderer Völker ihre jeweiligen Götter preisen (Ri 16,24; Dan 5,4.23). Das weitaus häufigste Objekt des Gotteslobs ist jedoch selbstredend der Gott JHWH. Neben der direkten Nennung JHWHs (bzw. anderer Gottesbezeichnungen wie „Gott“, „Höchster“ etc.) tauchen konkret sein Name (1Kön 8,33.35 u.ö.), seine Herrlichkeit (Ez 3,12), sein Wort (Ps 56,5.11), seine Gerechtigkeit (Ps 71,16) und seine Wundertat (Ps 89,6) als Objekte des Preisens auf.

3) Sprachliche Form des Gotteslobs: Die primäre Gattung, in der das Gotteslob seinen Ort hat, ist der Hymnus (→ Gebet / Beten, 2.2.4.; → Psalmen, 3.1.), der allerdings eine große Vielfalt an Formen aufweist (Gunkel / Begrich, 33-59; Spieckermann 1994). Preisende Elemente tauchen außerdem auch in anderen Gattungen wie dem Klagelied des Einzelnen (vgl. Ps 22,23-32), dem Klagelied des Volkes (vgl. Jes 63,7-14) oder dem Danklied des Einzelnen (vgl. Ps 30,2) auf. Grundlegend lässt sich unterscheiden zwischen der Aufforderung zum Gotteslob und der Durchführung des Gotteslobs. Die Aufforderung zum Loben kann der Sprecher an sich selbst (Imperativ Sg. oder Kohortativ, z.B. Ps 146,1f oder Lobgelübde wie Ps 69,31) oder an andere richten (Imperativ Pl., z.B. Ps 117,1). Die Durchführung des Preisens erfolgt häufig in Form von mit כִּי „denn“ bzw. „ja“ eingeleiteten Sätzen (z.B. Ps 117,2) – meist im Anschluss an imperativische Aufforderungen – oder in Form von Partizipien (z.B. Ps 147,2-4.6.8-9.11.14-17.19), aber es begegnen auch viele andere Formen wie Ausrufe (z.B. Ps 104,24) oder rhetorische Fragen (z.B. Ex 15,11).

Das Gotteslob bedient sich zuweilen geprägter Formeln:

a) Der Lobspruch (Eulogie / Benediktion) lautet zumeist בָּרוּךְ יְהוָה bārûkh JHWH „gepriesen ist / sei JHWH“ (manchmal finden sich andere Gottesbezeichnungen statt des Tetragramms; oft ist das Tetragramm durch eine Apposition spezifiziert). Darauf folgen häufig Relativ- oder כִּי-Sätze, die den Grund des Preisens nennen. Der Lobspruch steht oft am Anfang einer wörtlichen Rede; im Psalter steht sie hingegen mehrheitlich am Ende eines Psalms (so etwa bei den vier Schlussdoxologien [→ Doxologie]). Die Formel kennzeichnet eine „indikativisch-jussivische Unbestimmtheit“ (Leuenberger, 9): Sie kann als Wunschsatz (vgl. 1Kön 10,9) oder als performativer Vollzug des Gotteslobs verstanden werden. Nach den Psalmen kommt sie am häufigsten in den David- und Salomo-Erzählungen der Samuel- und Königebücher vor.

b) Der → Halleluja-Ruf (הַלְלוּ יָהּ halləlû jāh oder הַלְלוּיָהּ halləlûjāh „lobt JH[WH]“) ist eine zur Formel gewordene imperativische Aufforderung zum Gotteslob und taucht in der Hebräischen Bibel ausschließlich im Psalter auf (sonst noch in Tob 13,18 [Lutherbibel: Tob 13,22]), und zwar am Psalmanfang oder am Psalmende sowie als Rahmen um einen Psalm.

c) Die Hodu-Formel lautet: הוֹדוּ לַיהוָה כִּי־טוֹב כִּי לְעוֹלָם חַסְדּוֹ hôdû ləJHWH kî ṭôv kî lə‘ôlām ḥasdô „preist JHWH, denn (er ist) gut; ja, für ewig währt seine Güte“ (siehe dazu Koch; Hausmann). Wie beim Halleluja-Ruf handelt es sich um eine imperativische Aufforderung zum Gotteslob. Die Hodu-Formel (oder Variationen davon) ist neben dem Psalter (vgl. besonders Ps 118; Ps 136), der Chronik (s.o. 4.1.1.) und der nach-chronistischen Ergänzung Esr 3,11 nur noch in Jer 33,11 belegt (sowie deuterokanonisch in Sir 51,12a-o; 1Makk 4,24; ZusDan 3,65-66).

4) Gegenstand und Inhalt des Gotteslobs: Gepriesen werden Eigenschaften, durch die sich JHWH auszeichnet. Dazu gehören, wie insbesondere die Hodu-Formel zeigt, allen voran seine Güte (חֶסֶד ḥæsæd), sodann seine Macht, seine Gerechtigkeit sowie seine Majestät, Herrlichkeit und Größe. Zahlreiche hymnische Psalmen nennen und entfalten die Vorstellung von → JHWHs Königtum (z.B. Ps 145), die gewissermaßen all das beinhaltet und zusammenfasst, was JHWH preisenswert macht, nämlich sowohl seine schlechthinnige Überlegenheit als auch seine freundliche und lebensförderliche Zuwendung. Dies beides manifestiert sich in seinen Taten. Hierbei nehmen Schilderungen seines (urzeitlichen und andauernden) → Schöpfungshandelns (z.B. Ps 136,5-9.25) und seines → heilsgeschichtlichen Handelns an Israel (z.B. Ps 136,10-24) größeren Raum ein. Gelegentlich werden auch konkrete Rettungstaten am Einzelnen oder an Israel benannt, wobei hier die Grenze zwischen Preisen und Danken verschwimmt (z.B. Ps 107).

5) Die zeitliche Dimension des Gotteslobs: Gotteslob umgreift Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Nicht nur wird im Gotteslob auf göttliche Taten der näheren und ferneren Vergangenheit Bezug genommen. Gerade im Kontext der Klage kann auch auf den Lobpreis selbst in der Vergangenheit zurückgeblickt werden (z.B. Jes 64,10; Ps 42,5), um damit die Diskrepanz zur gegenwärtigen Not auszudrücken; andererseits wird auf künftigen Lobpreis vorausgeblickt, um JHWH zum Eingreifen zu motivieren (vgl. die Lobgelübde in den Psalmen) oder um sich selbst zu ermutigen (z.B. Ps 42,6.12; Ps 43,5). Menschen preisen Gott nicht nur am Tag (z.B. Ps 119,164), sondern auch in der Nacht (Ps 119,62; Ps 134,1; vgl. Hi 35,10). Da das Loben Gottes auf die menschliche Lebenszeit beschränkt ist, sichert die Weitergabe über die Generationen sein Fortdauern (vgl. Jes 38,18-20). Trotzdem kann auch der Einzelne den Wunsch äußern, JHWH nicht nur allezeit (Ps 34,2) und während seiner gesamten Lebenszeit (Ps 146,2), sondern „für immer und ewig“ zu preisen (z.B. Ps 145,1-2). In prophetischen Hymnen wie in Jes 12 erhält der Lobpreis insofern einen eschatologischen Charakter, als das Lob erst in einer zukünftigen Heilszeit zu sprechen ist. In einigen Psalmen lässt sich das Gotteslob so verstehen, dass es proleptisch eine für die Zukunft erhoffte Heilswende vorwegnimmt (Ballhorn).

 Aus: O. Keel, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. Am Beispiel der Psalmen, Zürich u.a. 1972, S. 288 (Nr. 413). Gezeichnet von H. Keel-Leu. Mit Dank an © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 2 Eine ägyptische Frau bei der Proskynese. Ein Knie bleibt angezogen, um sich leichter wieder aufrichten zu können (Zeichnung auf dem Totenbuchpapyrus der Heruben, um 1000 v. Chr.).

6) Praxis und Setting des Gotteslobs: Was die Körperhaltung und Gestik angeht, ist Ähnliches zu sagen wie zum Gebet (→ Gebet / Beten, 1.3): Das Gotteslob kann sowohl im Stehen (z.B. 1Kön 8,22; Ps 134,1) als auch in der Proskynese (z.B. Ps 99,5.9; Neh 8,6; 2Chr 29,30; vgl. Abb. 2) vollzogen werden. Mehrfach ist vom Erheben der Hände die Rede (z.B. Ps 63,5; Ps 134,2; vgl. Abb. 3). Körperliche Begleithandlungen können außerdem → Tanz (z.B. Ex 15,20f; Ps 149,3) und Händeklatschen sein (Ps 47,2). Die Stimme wird beim Preisen zu großer Lautstärke erhoben (2Chr 20,19) und kommt in Form von Jubelgeschrei oder Gesang zum Einsatz. Gotteslob geht häufig mit dem Gebrauch von Musikinstrumenten einher (z.B. Ps 150; vgl. Abb. 1). Begleitet wird es gelegentlich von → Opfern (z.B. Ps 54,8; Ps 107,21f; 2Chr 7,1-11). Das Preisen Gottes hat in der Regel öffentlichen Charakter: Der einzelne Beter gelobt, JHWH in der „Versammlung“ und vor „vielem Volk“ zu loben (Ps 22,23.26; Ps 35,18; Ps 109,30; vgl. Ps 111,1).

 Aus: J. Eggler / O. Keel, Corpus der Siegel-Amulette aus Jordanien. Vom Neolithikum bis zur Perserzeit (OBO.SA 25), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 2006, 300f (Tall al-Mazar Nr. 14). Gezeichnet von © Ulrike Zurkinden-Kolberg. Mit Dank an © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 3 Zwei Verehrer stehen mit erhobenen Händen vor zwei Kultgegenständen (dem Spaten Marduks und einem Feueraltar); über den Verehrern sind eine Mondsichel, ein Stern und eine geflügelte Sonne abgebildet (Konoid, Tell el-Mazār [Jordanien], 7. Jh. v. Chr.).

Der Ort schlechthin für das Gotteslob ist der Tempel (Jes 64,10; Ps 84,5; Ps 100,4; Ps 122,1-4; Ps 134,1f). Laut den Informationen der Chronik wurde es am Tempel durch levitische Sänger und Musiker angeführt, in das die Gemeinde dann einstimmen konnte (s.o. 4.1.1.). Auch in den Psalmen gibt es vereinzelt Hinweise auf einen → Wechselgesang zwischen verschiedenen Teilen der Kultgemeinde (Ps 106,48; Ps 118,1-4; Ps 136; vgl. ferner 1QS I 18-20). Während der Öffentlichkeitscharakter in der Hebräischen Bibel klar im Vordergrund steht, gibt es allerdings auch Spuren einer „privaten“ Frömmigkeit, in der das Preisen Gottes stattfindet (z.B. Ps 119,62.164). – Grundsätzlich ist bei den Überlegungen zum Setting zu bedenken, dass insbesondere die Psalmen und die Chronik nur unter Vorbehalt Rückschlüsse auf einen kultischen Sitz im Leben erlauben und die Angaben auch theologisch motiviert oder liturgische Sprachmuster literarisch adaptiert sein können (vgl. Wagner, 147-150).

4.3. Literatur- und religionsgeschichtliche Aspekte

Die Sprachform des Gotteslobs ist auch im alten Israel eine religionsgeschichtliche Grundkonstante. In der alttestamentlichen Wissenschaft galten hymnische Texte wie Ex 15,21 und Ri 5 lange als die ältesten Texte der Hebräischen Bibel – was heute allerdings weniger sicher erscheint. Literaturgeschichtlich stammen die Texte, die Gotteslob beinhalten oder thematisieren, mehrheitlich aus jüngerer Zeit (v.a. Psalmen aus dem Bereich von Ps 90-150 sowie die Chronik). In Bezug auf die nachexilische Zeit lassen sich grob folgende Tendenzen ausmachen: (1) Stärkerer Gebrauch von Lobformeln: Während der Lobspruch bereits vorexilisch verwendet wurde, sind der Halleluja-Ruf und die Hodu-Formel ausschließlich in jüngeren Texten belegt. (2) Schriftgelehrtheit und Intertextualität: Psalmen aus der Spätzeit des Alten Testaments und apokryphe Psalmen bedienen sich häufig literarischer Vorbilder und lehnen sich in Wortlaut und Form an ältere Psalmen an (vgl. Neumann). (3) Heilsgeschichte als Gegenstand des Gotteslobs: Zum einen wurde in Psalmen und Lobgebeten zunehmend die von JHWH gelenkte Geschichte Israels zum Anlass des Gotteslobs genommen (vgl. die Geschichtspsalmen; → Psalmen, 3.5.4.), zum anderen wurden in narrativen Zusammenhängen teilweise nachträglich Lieder eingefügt, um die Geschichte theologisch zu deuten (vgl. Levin). (4) Universalisierung: Der Aufruf zum Gotteslob an alle Völker und an die Schöpfung wird überwiegend in jüngeren Texten geäußert. (5) Dank und Lob statt Opfer: Es gibt Tendenzen, die sprachliche (und musikalische) Artikulation von Dank und Lob gegenüber dem Opfer als höherwertig einzustufen (vgl. Ps 50,7-15; Ps 51,17-18; Ps 69,31f). – Insgesamt ist die Geschichte des Gotteslobs im Alten Testament zugleich ein Spiegel von dessen Theologiegeschichte.

4.4. Theologische Aspekte

1) Gotteslob als theologische Denkform und menschliche Existenzdeutung: Gott zu loben ist eine grundlegende Form des Theologisierens. Die Hebräische Bibel spricht über Gottes Wesen und Eigenschaften nicht in systematischen Abhandlungen, sondern wählt dazu vor allem die Sprachform des Gotteslobs. Die Hymnen sind „Ort theologischer Reflexion“ und der „Deutung menschlicher Existenz aus der kommunikativen Relation zu Gott“ (Spieckermann 2014, 30). Das Reden über Gottes Wesen, Eigenschaften und Taten erfolgt im Modus der Bewunderung und im Bewusstsein der geschöpflichen „Verdanktheit“ menschlichen Lebens. Das Ziel des Gotteslobs als theologischer Denk- und Sprachform ist es, die Anerkennung Gottes auszudrücken und zu befördern, Vertrauen in diesen Gott zu stiften und in die kommunikative Relation mit Gott zu führen. Zugleich wird im „Lobpreis Gottes […] die Selbstmächtigkeit und Selbstverabsolutierung des Menschen relativiert“ (Janowski, 266), indem sich dieser einer höheren Instanz unterstellt (vgl. Nebukadnezars Sinneswandel vom Selbstlob zum Gotteslob in Dan 4).

2) Klage und Lob: Die im Psalter quantitativ dominierende Sprachform ist nicht das Lob, sondern die → Klage und die Bitte. Dennoch geben die Psalmen das Gotteslob deutlich als die Zielperspektive menschlichen Gebets aus: durch den sog. Stimmungsumschwung innerhalb von Klagepsalmen, durch die Positionierung von Hymnen innerhalb von Teilkompositionen, die durch Klage und Bitte bestimmt sind (z.B. Ps 8 in der Teilkomposition Ps 3-14), durch die vier Schlussdoxologien sowie nicht zuletzt durch die Vielzahl von Hymnen im hinteren Teil des Psalters und den hymnischen Schlussakzent durch Ps 145 und Ps 146-150. Das Gotteslob behält das letzte Wort. Nebenbei sei bemerkt, dass mit der Bewegung von der Klage zum Lobpreis aufgrund der zumeist öffentlichen und gemeinschaftlichen Dimension des Gotteslobs zugleich die Bewegung aus der Vereinzelung in die menschliche Gemeinschaft einhergeht. Die Klage erhält biblisch eine deutliche theologische Legitimation; zugleich bieten die Psalmen die Hoffnungsperspektive, dass die Klage überwunden wird. Erst vor dem Hintergrund des Gotteslobs wird das Aussprechen von Klage und Bitte überhaupt sinnvoll, da die Klage die Hoffnung auf Erhörung beinhaltet (sonst müsste der klagende Mensch resignieren). Umgekehrt gilt: Erst vor dem Hintergrund der Klage wird verhindert, dass das Gotteslob lebensfremd und realitätsfern ist. Menschliches Gotteslob ist damit „durch die Klage errungenes Lob“ (Hossfeld, 20). Die hebräische Bezeichnung für den Psalter, תְּהִלִּים təhillîm bzw. סֵפֶר תְּהִלִּים sefær təhillîm „(Buch der) Lobpreisungen“, impliziert zudem, dass sogar die Klage als eine Form des Gotteslobs verstanden werden kann.

3) Leben und Loben: Gotteslob ist in der Hebräischen Bibel den Lebenden vorbehalten, während die Toten davon ausgeschlossen sind und der Tod das Ende des Gotteslobs markiert (s.o. 4.2.). Damit ist der Lobpreis Gottes Ausdruck und Merkmal der Lebendigkeit. „Wirkliches Leben kann es ohne das Loben nicht geben. Loben und nicht mehr loben stehen einander gegenüber wie Leben und nicht mehr leben. […] Das Loben Gottes […] ist eine Weise des Daseins, nicht etwas, was es im Leben geben kann oder nicht“ (Westermann, 121). Das Gotteslob kann daher als Sinn und Grundbestimmung menschlichen Lebens aufgefasst werden (Janowski, 264-267). Dazu passt, dass der Schlussvers des Psalters „alles, was Atem hat“ (כֹּל הַנְּשָׁמָה kōl hannəšāmā) zum Gotteslob auffordert (Ps 150,6).

4) Gotteslob als Antwort: Nach → Gerhard von Rads viel zitiertem Diktum ist der Psalter die „Antwort Israels“, mit der Israel seinen Gott JHWH aufgrund der geschichtlichen Heilstaten persönlich anredet und preist (von Rad, 366f). Wenn auch die geschichtstheologische Engführung des Psalters in dieser Bestimmung von Rads zu problematisieren ist, trifft der Antwortcharakter viel Richtiges hinsichtlich des Gotteslobs. Der Lobpreis ist nicht allein Antwort Israels, sondern auch des Einzelnen sowie der gesamten Schöpfung auf Gottes Schöpfungshandeln, sein Heilshandeln und seine fortwährende Fürsorge, die der menschlichen Reaktion in Form des Lobpreises vorausgehen. Wo in der Hebräischen Bibel Menschen Gott loben, reagieren sie in der Regel auf zuvor erfahrene Wohltaten oder Machterweise, die zumeist auch genannt werden. Gott stiftet damit auf eigene Initiative die auf Dialog angelegte Beziehung, in die der Mensch durch das Gotteslob antwortend eintritt.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006
  • Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt 2006
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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Ein Leierspieler und ein Doppelpfeifenspieler vor einem Sichelmondemblem, das von einem Stern, zwei Scheiben und einer Zypresse flankiert wird (Rollsiegel, Nebo [Jordanien], Ende 8.-7. Jh. v. Chr.). Aus: J. Eggler / O. Keel, Corpus der Siegel-Amulette aus Jordanien. Vom Neolithikum bis zur Perserzeit (OBO.SA 25), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 2006, 192f (Nebo Nr. 1). Mit Dank an © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
  • Abb. 2 Eine ägyptische Frau bei der Proskynese. Ein Knie bleibt angezogen, um sich leichter wieder aufrichten zu können (Zeichnung auf dem Totenbuchpapyrus der Heruben, um 1000 v. Chr.). Aus: O. Keel, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. Am Beispiel der Psalmen, Zürich u.a. 1972, S. 288 (Nr. 413). Gezeichnet von H. Keel-Leu. Mit Dank an © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
  • Abb. 3 Zwei Verehrer stehen mit erhobenen Händen vor zwei Kultgegenständen (dem Spaten Marduks und einem Feueraltar); über den Verehrern sind eine Mondsichel, ein Stern und eine geflügelte Sonne abgebildet (Konoid, Tell el-Mazār [Jordanien], 7. Jh. v. Chr.). Aus: J. Eggler / O. Keel, Corpus der Siegel-Amulette aus Jordanien. Vom Neolithikum bis zur Perserzeit (OBO.SA 25), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 2006, 300f (Tall al-Mazar Nr. 14). Gezeichnet von © Ulrike Zurkinden-Kolberg. Mit Dank an © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

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