Schoß

Alternative Names: Schoss (Schweiz)

(published: Aug)

1. Körperteile

1.1. Verhältnis von Begriffen und Körperteilen

Der Begriff „Schoß“ ist im Deutschen nicht eindeutig einem konkreten Körperteil zuzuordnen, der Begriff „Mutterschoß“ wird nur manchmal synonym dazu, meist aber bedeutungsverschieden verwendet. Im Hebräischen werden für die entsprechenden Körperteile, Körperorgane und Körperregionen verschiedene Begriffe verwendet, deren Bedeutungsbereiche sich teilweise anders als im Deutschen überlappen. Wo in deutschen Bibelübersetzungen das Wort „Schoß“ oder „Mutterschoß“ erscheint, stehen im Hebräischen unterschiedliche Vokabeln, deren Übersetzungen im Deutschen noch weitere Bedeutungen haben (→ Körper 1.2.).

1.1.1. Schoß

Aus: Schroer 2013, 129.

Abb. 1 Ägyptische Bronzefigur der Isis mit dem Kind auf dem Schoß (6./5. Jh. v. Chr.).

Der Schoß, als Bereich zwischen Beinen und Brust, auf dem z.B. ein Kind sitzen oder ein Säugling liegen kann, wird im Hebräischen i.d.R. mit dem Wort חֵיק ḥêq bezeichnet. Synonym werden wie im Deutschen auch die → Knie בֶּרֶךְ bærækh genannt.

Dies ist auch der Bereich des Körpers, in dem sich die Genitalien befinden, nämlich die Vulva und der Penis mit den Hoden. Im Hebräischen ist das Wort Schoß kein → Euphemismus für Geschlechtsteile, wird aber mit sexuellen Konnotationen verwendet. חֵיק ḥêq wird im Alten Testament / der Hebräischen Bibel (AT / HB) für Frauen und Männer gebraucht, und einmal auch für Gott (s.u. 1.2.1.).

1.1.2. Mutterschoß (רֶחֶם ræḥæm, auch Leib bzw. Mutterleib בֶּטֶן bæṭæn, selten מֵעֶה me‛æh Inneres)

Vom Schoß חֵיק ḥêq unterschieden wird der Mutterschoß רֶחֶם ræḥæm oder Mutterleib בֶּטֶן bæṭæn, in dem ein Kind empfangen werden und wachsen kann und aus dem heraus es geboren wird und zur Welt kommt. Es ist fraglich, inwieweit die modernen medizinischen Fachbegriffe Gebärmutter und Uterus die Aussage der hebräischen Texte treffen oder möglicherweise in ihrer Bedeutung enger sind (vgl. Bester 2007, 150). Die Vokabel wird auch für Muttertiere verwendet. Das Körperteil oder Körperorgan wird im Hebräischen synonym mit בֶּטֶן bæṭæn Bauch, teils spezifiziert als Bauch / Leib meiner bzw. der Mutter (אֵם ’em) bezeichnet, oder seltener mit מֵעֶה me‛æh Inneres.

Im weiteren Artikel wird רֶחֶם ræḥæm wo immer möglich mit Mutterschoß und בֶּטֶן bæṭæn mit Mutterleib / Leib wiedergegeben, nicht, weil hier ein exakt bestimmbarer semantischer Unterschied bestünde, sondern um die Verwendung der beiden hebräischen Termini jeweils sichtbar zu machen.

רֶחֶם ræḥæm bezeichnet im AT / in der HB nur den weiblichen Schoß oder wird im übertragenen Sinne für nicht-menschliche Zusammenhänge verwendet (s.u. 2., zum verwandten רַחֲמִים raḥǎmîm s.u. 3.). Es wird deshalb nicht durch den Zusatz „der / meiner Mutter“ präzisiert (mit Ausnahme von Num 12,12). Der synonym verwendete Begriff בֶּטֶן bæṭæn wird selten auch für Männer gebraucht, als Körperregion sowie mit der Konnotation, dass etwas daraus hervorgeht. Synonym dazu wird für Männer der Begriff יָרֵךְ jārekhHüfte / Lenden oder Hüftgegend gebraucht (nicht aber מַתְנַיִם matənajim Hüften, das den äußeren Bereich der Hüften bezeichnet – meist die „Hüften gürten“ o.ä.; Ausnahmen könnten Jes 21,3; Ez 21,11; Nah 2,11 darstellen: hier werden starke Gefühlsregungen durch Beben oder Brechen der Hüften ausgedrückt).

1.1.3. Übersetzungsprobleme

Der Begriff „Schoß“ macht die Schwierigkeiten, Körper und Körperteile im Hebräischen mit einzelnen Lexemen zu erfassen und diese ins Deutsche zu übersetzen, besonders deutlich. So ist die Zuordnung einzelner Begriffe zu konkreten Körperregionen, Körperteilen oder Körperorganen schwierig, weil im Hebräischen vor allem in poetischen Texten Begriffe synonym verwendet werden (Stereometrie, d.h. Bedeutung entsteht im Zusammenspiel der Begriffe, statt durch analytische Abgrenzung der Begriffe gegeneinander). Außerdem werden im Hebräischen Körperteile in Beziehungen und Handlungen weit häufiger mitgenannt als im Deutschen, so dass in deutschen Bibelübersetzungen Formulierungen ganz ohne konkreten Körperbezug auskommen, wo das Körperteil im Hebräischen genannt wird (vgl. z.B. Gen 29,31 wörtlich „da öffnete er ihren Mutterschoß“; Ex 1,5 wörtlich „Und alle נֶפֶשׁ næfæš = Kehle / Seele / Leben, die hervorgegangen sind aus der Hüfte / dem Schoß Jakobs, waren 70 Kehlen / Seelen / Leben […]“). Der entsprechende Begriff für Schoß erscheint an solchen Stellen in der deutschen Übersetzung nicht.

1.1.4. (Keine) Genitalien

Der Schoß חֵיק ḥêq und Mutterschoß רֶחֶם ræḥæm umschließen die Körperregion, in der die Genitalien liegen: die Vulva, der Penis, die Hoden, welche aber in diesem Zusammenhang nicht genannt werden. Generell werden die Genitalien im Hebräischen nicht (oder so gut wie nie) explizit benannt, sondern durch Euphemismen zugleich verhüllt und angesprochen (vgl. Schorch 2000, 13: „Euphemismen dienen zwar einerseits der Vermeidung, ihre kommunikative Funktion liegt aber andererseits ja gerade darin, das Vermiedene dennoch auszudrücken“). Dass es daneben, wie im Deutschen auch, umgangssprachliche Bezeichnungen gab, ist denkbar, dass diese nicht in biblischen Texten verwendet wurden, naheliegend, da diese als autoritative religiöse Schriften ein gehobenes Sprachniveau / Niveau repräsentieren (vgl. Brenner 1997, 38).

Schoß und Mutterschoß sind keine Euphemismen für Penis und Vulva und doch weist die Verwendung der Vokabeln häufig auch auf das hin, was nicht genannt wird. Der Art. → Körperteile unterscheidet äußere und innere Körperteile. Beim Schoß ist dies nicht möglich, da gerade der Zusammenhang zwischen außen und innen, die Vulva als Körperöffnung und der Geschlechtsverkehr als eine Verbindung zwischen außen und innen, in den Begriffen für Schoß immer wieder mitklingt, aber unbenannt bleibt.

Aus: Kehl / Uehlinger 2001, 42, Abb. 30

Abb. 2 Abbildung einer sich entschleiernden Göttin, die einem Wettergott gegenübersteht; altsyrisches Rollsiegel aus Meggido.

Aus: Kehl / Uehlinger 2001, 30, Abb. 11b und 12b

Abb. 3 Nackte Göttin, gerahmt von Zweigen als Symbolen der Fruchtbarkeit und Vegetation auf Stempelsiegeln der Mittelbronze-Zeit aus dem syrischen Raum.

Ikonographische Zeugnisse aus dem syrisch-palästinischen Raum in der Mittel- und Spätbronzezeit zeigen, dass der weibliche Schoß nicht immer schon in dieser Weise verborgen wurde (vgl. Abb. 2 und 3).

Für Geschlechtsverkehr gibt es wie für Genitalien im Deutschen kaum hochsprachliche Ausdrücke, dafür aber eine große Vielfalt mehr oder weniger umgangssprachlicher Bezeichnungen (die sich nur teilweise als Eu-phemismen einordnen lassen). Dies führt dazu, dass die Euphemismen aus dem Hebräischen im Deutschen noch einmal neu sprachlich verkleidet werden, sodass sie teilweise kaum mehr erkennbar sind.

1.2. Beziehungsaspekt

Körperteile oder Körperorgane haben im Hebräischen fast immer auch einen Beziehungsaspekt: Sie stehen häufig für die Aktion, die mit ihnen verbunden ist, und sind Teil der Beziehung, die dadurch entsteht. Wolff spricht von der „Stereometrie des Gedankenausdrucks“, die „eine Zusammenschau der menschlichen Organe mit ihren Fähigkeiten und Tätigkeiten voraus[setzt]“ (Wolff 1977, 22f); Schroer und Staubli betonen mit dem Begriff der „Dynamis“, dass die Dimension der Wirkung der Körperteile dabei die entscheidende ist (Schroer / Staubli 1998, 27; vgl. Geiger / Schäfer-Bossert 2003 zu Körperkonzepten; Janowski 2019 zum Zusammenwirken von Leib- und Sozialsphäre; → Körperteile, 2.).

1.2.1. חֵיק ḥêq – „im / auf dem Schoß“ als Nähe und Verbundenheit

בְּחֵיק bəḥêq „auf / im Schoß“ bezeichnet einen Ort großer körperlicher Nähe. Die Formulierungen, die diese Wendung beinhalten, drücken intime Verbundenheit, Fürsorge oder Zärtlichkeit aus. Dies gilt für alle Stellen, wo ein Kind oder Kinder im oder auf dem Schoß sitzen und liegen (Rut 4,16; 1Kön 3,20; 1Kön 17,19; vermutlich auch Klgl 2,12; vgl. 2Sam 12,3 das Lamm des armen Mannes, zu dem er eine Beziehung wie zu einem Kind hat) oder getragen werden (Num 11,12; auch Gott trägt die Lämmer בְּחֵיק bəḥêq „auf / im Schoß“; Jes 40,11) – letzteres בְּחֵיק bəḥêq wird im Deutschen häufig mit „auf den Armen“ oder „an der Brust“ übersetzt. Im Hebräischen werden hierzu synonym auch die Knie בֶּרֶךְ bærækh genannt (Gen 48,12; 2Kön 4,20).

1.2.2. חֵיק ḥêq – „Schoß“ in euphemistischen Wendungen für Geschlechtsverkehr

Aus: Art. Delila (wibilex), Abb. 3.

Abb. 4 Simson und Delila (Lucas Cranach d. Ä.; 1472-1553).

Der Begriff חֵיק ḥêq kommt außerdem in der Formulierung für oder Anspielung auf Geschlechtsverkehr vor: Sara sagt zu Abraham „Ich habe meine Magd in deinen Schoß gegeben“ (Gen 16,5), damit Abraham mit Hagar den ersehnten Sohn zeugen konnte. Natan lässt David von Gott wissen: „[…] ich habe dir das Haus deines Herrn gegeben und die Frauen deines Herrn in deinen Schoß“ (2Sam 12,8; vgl. auch 1Kön 1,2). Auch die – wörtlich übersetzt – „Frau deines / seines Schoßes“ (Dtn 13,7; Dtn 28,54) bzw. der „Mann ihres Schoßes“ (Dtn 28,56) lassen vor diesem Hintergrund auf eine sexuelle Beziehung schließen (vgl. Spr 5,20 „Warum solltest du […] den חֵיק ḥêq einer anderen liebkosen?“). Im Deutschen wird meist „in den Armen“ oder „an der Brust“ übersetzt (s. 1.1.4.). In Ri 16,19 lässt Delila Simson auf ihrem Schoß (hier בֶּרֶךְ bærækh Knie) einschlafen, um ihm heimlich von seinem Haar abzuschneiden (s. Abb. 4). Die Formulierung erzeugt eine Überschneidung von mütterlichen (s. 1.1.1.) und sexuellen Konnotationen. חֵיק ḥêq als einzelnes Wort ist in diesen Beispielen kein Euphemismus für Geschlechtsteile, wird aber in euphemistischen Wendungen für Geschlechtsverkehr oder sexuelle Beziehungen gebraucht (vgl. dazu Schorch 2000, 20).

1.2.3. רֶחֶם ræḥæm (Mutterschoß) und בֶּטֶן bæṭæn (Mutterleib) – Schwangerschaft, Geburt und Lebensanfang

An vielen Stellen wird der Mutterschoß רֶחֶם ræḥæm oder der Mutterleib בֶּטֶן bæṭæn als Anfang und Ursprung des Lebens bezeichnet. Es ist der Ort im Körper, an dem ein Kind wächst und sich entwickelt (Gen 25,23f; Gen 38,27; בֶּטֶן bæṭæn; Pred 11,5). Es geht an diesen Stellen um Geburtlichkeit, die Beziehung zur Mutter als Herkunft (von Mutterleib בֶּטֶן bæṭæn und Mutterschoß רֶחֶם ræḥæm an Ps 58,4; Mutterleib בֶּטֶן bæṭæn Ri 13,5.7; Ri 16,17). Die Mutter als Frau und Person spielt dabei i.d.R. keine Rolle, was Fuchs (2012, 454f) als „objectivation“ und „appropriation“ deutet. Für etliche Texte trifft diese Tendenz zu, teilweise ist dies jedoch auch dem Verständnis einzelner Körperteile mit ihrer Dynamis im Verhältnis zum ganzen Menschen in den Texten des AT / der HB geschuldet (vgl. 1.2).

Doch auch der frühe Tod wird mit der Wendung ausgedrückt, dass ein Kind bereits tot aus dem Mutterschoß kommt oder beim Verlassen des Mutterleibes, der Geburt, stirbt. In Num 12,12 ist dies ein Schreckensbild („Lass Mirjam nicht sein wie […]“), → Hiob bringt damit seine Lebensmüdigkeit zum Ausdruck (Hi 3,11; Hi 10,18; vgl. Jer 20,17).

Die → Geburt als Anfang des (eigenen) Lebens wird mit יצא jṣ’ Qal herauskommen, Hif. herausholen aus dem Mutterleib oder Mutterschoß bezeichnet. Dabei werden im Hebräischen רֶחֶם ræḥæm und בֶּטֶן bæṭæn synonym verwendet (Hi 1,21; Hi 3,11; Hi 10,18; Pred 5,14; Jer 1,5).

Auch über den Mann wird gesagt, dass Nachkommen aus ihm heraus- oder hervorgehen, vgl. Ex 1,5: „Und alle, die hervorgegangen (יצא jṣ’) waren aus den Lenden / der Hüfte (יָרֵךְ jārekh) Jakobs, waren 70.“ Ri 8,30: „Gideon hatte 70 Söhne, die aus seinen Lenden / Hüften hervorgegangen waren, denn er hatte viele Frauen“; mit חַלָצַיִם ḥalāṣajim Hüften / Lenden in 1Kön 8,19 par. 2Chr 6,9; vgl. auch Jer 30,6 und Hiobs Klage: „Die Kinder meines Leibes (בֶּטֶן bæṭæn) ekelt es vor mir“ (Hi 19,17).

Die → Erstgeburt wird umschrieben mit „was zuerst den Mutterschoß durchbricht“ כָּל־פֶּסֶר־רֶחֶם kål-pæsær-ræḥæm (Ex 13,12; vgl. Ex 13,2; Ex 13,15; Ex 34,19; Num 3,12; Num 8,16; Num 18,15; Ez 2,26).

Das geborene Kind, der Nachkomme, wird als „Frucht des Leibes bzw. Mutterleibes“ bezeichnet, der Ausdruck jedoch nie mit רֶחֶם ræḥæm (Mutterschoß), sondern immer mit בֶּטֶן bæṭæn (Mutterleib) gebildet (explizit der weibliche Leib nur Gen 30,2; i.d.R. im Kontext von Segenszusage oder Fluchandrohung an das Volk; Dtn 7,13; Dtn 28,4.11.18.53; Dtn 30,9; Ps 127,3; Jes 13,18; Frucht des männlichen Leibes in Mi 6,7; Ps 132,11).

Ein extremes Beispiel dafür, dass Frauen auf ihren Schoß reduziert wurden, findet sich in Ri 5,30. Der Mutter → Siseras, die auf die Rückkehr ihres Sohnes aus der Schlacht wartet, wird dort in den Mund gelegt: „Finden sie nicht, teilen sie nicht Beute? Einen Schoß רֶחֶם ræḥæm, zwei Schöße pro Kopf eines Mannes.“ Auch wenn רֶחֶם ræḥæm sonst nie mit der Konnotation von Geschlechtsverkehr verwendet wird, liegt dies hier nahe, da Vergewaltigungen zu allen Kriegen bis heute dazugehören, was auch viele Texte des AT widerspiegeln. Anzunehmen ist, dass רֶחֶם ræḥæm hier außerdem für die Fähigkeit der kriegsgefangenen Frauen steht, Kinder zu bekommen und damit die Beute noch reicher zu machen (→ Krieg, 4.3).

1.2.4. Gottesbeziehung von Anfang an

Immer wieder beginnt die Beziehung Gottes zu einem Menschen im AT / in der HB bereits in diesem frühesten Stadium der Existenz. Mehrmals wird in unterschiedlichen Vokabeln und Bildern die Vorstellung ausgedrückt, dass Gott den Menschen im Mutterleib erschafft; meist wird hier בֶּטֶן bæṭæn (Mutterleib) verwendet (Ps 139,13: Du hast meine Nieren bereitet, du hast mich in meiner Mutter Leib gewoben. Jes 44,2.24; Jes 49,5; Jer 1,5: gebildet / geformt יצר jṣr), eine Ausnahme ist Hi 31,15, wo רֶחֶם ræḥæm (Mutterschoß) und בֶּטֶן bæṭæn (Mutterleib) parallel stehen.

Die positive Gottesbeziehung beginnt für den Gottesknecht (Jes 49,1.5) wie auch für Jeremia bereits im Mutterleib (בֶּטֶן bæṭæn): „Ehe ich dich im Mutterleib בֶּטֶן bæṭæn gebildet hatte, habe ich dich erkannt, und ehe du aus dem Mutterschoß רֶחֶם ræḥæm herausgekommen bist, habe ich dich geheiligt zum Propheten […]“ (Jer 1,5). Selten leistet Gott sogar Dienst als Hebamme (Grohmann 2009, 381): Ps 22,10f „Du hast mich gezogen aus dem Mutterleib (בֶּטֶן bæṭæn) […]. Auf dich bin ich geworfen von Mutterschoß an (רֶחֶם ræḥæm), du bist mein Gott von meiner Mutter Leib (בֶּטֶן bæṭæn) an.“ Vgl. Ps 71,6 „Auf dich habe ich mich verlassen von Mutterleib (בֶּטֶן bæṭæn) an, du hast mich aus meiner Mutter Leib (מֵעֶה me‛æh Inneres) gezogen“; auch Hi 10,18 (vgl. Grohmann 2009, 381, zu Ps 22,10f). Von Mutterleib und Mutterschoß an trägt Gott Jakob-Israel (Jes 46,3). Doch auch die negative Beziehung zu Gott beginnt bereits im Mutterleib (Jes 48,8; Ps 58,4).

1.2.5. Kinder und Kinderlosigkeit aus Gottes Hand

In den Texten des AT / der HB liegt es in Gottes Macht, ob Frauen Kinder bekommen können (vgl. Hos 9,14 „Gib ihnen, JHWH, […], gib ihnen einen unfruchtbaren Mutterschoß [רֶחֶם ræḥæm] […]“). Denn Gott verschließt den Mutterschoß (Gen 20,18; 1Sam 1,5f) und Gott öffnet ihn (Gen 29,31; Gen 30,22; vgl. auch Gen 30,2; Grohmann 2009, 394).

Aus: Schroer 2010, 48, Abb. 16.

Abb. 5 Aus einem Modell gepresste Göttinnenfigurine mit Brüsten, an denen Kinder saugen, und enthülltem Schambereich, in Kombination mit Zweigen oder Bäumen und Ziegen als weiteren Fruchtbarkeitssymbolen, aus Revadim, Israel / Palästina 1250 v. Chr.

Nachkommen werden im AT / der HB fast uneingeschränkt positiv bewertet, entsprechend ist die Fähigkeit von Frauen, Kinder zu gebären, hochgeschätzt. Die Normbiografie einer Frau im Alten Israel, so wie sie in den Texten entworfen wird, sieht vor, dass sie Mutter von Kindern, möglichst von Söhnen wird (Maier 2012, 194). Der Segen Jakobs für seinen Sohn Josef, Gen 49,25, der u.a. „die Segnungen der Brüste und des Mutterschoßes“ umfasst, gibt dem Ausdruck, zugleich wird die Rolle Gottes als Segensspender betont. Vermutlich klingt darin auch eine Erinnerung an Fruchtbarkeitsgöttinnen an, die im Raum Syrien-Palästina in der Mittel- und Spätbronzezeit verehrt wurden (Brenner 1997, 50; Schroer / Staubli 1998, 82; vgl. Abb. 2 und 3 und Abb. 5).

2. Übertragene Bedeutung

2.1. Schoß als Ursprung im nicht-körperlichen Sinne

In poetischen Texten ist der Schoß, aus dem etwas hervorgeht, Teil der Geburtsmetaphorik, so dass Hi 38,29 Gott selbst als Gebärende*n vorstellt: „Aus wessen Schoß בֶּטֶן bæṭæn geht das Eis hervor, und wer hat den Reif unter dem Himmel geboren?“ Vom Meer wird in Hi 38,8 gesagt, dass es aus dem Mutterschoß רֶחֶם ræḥæm herauskam יצא jṣ’ und hervorquoll, wobei die gleichen Vokabeln verwendet werden, mit denen auch die Geburt eines Kindes beschrieben wird. In Ps 110,3 wird der Schoß der Morgenröte genannt (der Text ist schwierig, die Lesarten und Übersetzungen umstritten, vgl. Zenger / Hossfeld 2008, 198-200.208f). Auch in Hi 15,35 ist der Schoß בֶּטֶן bæṭæn als Ort, an dem etwas im Verborgenen wächst, Teil der Geburtsmetaphorik. Insgesamt sind diese Belege im AT / in der HB jedoch selten.

2.2. חֵיק ḥêq als Gewandbausch oder Gewandfalte

Mit חֵיק ḥêq wird nicht immer der Schoß, sondern an manchen Stellen auch der Teil der Kleidung oder des Gewands bezeichnet, der sich im Bereich des Schoßes befindet, die Falte oberhalb des Gürtels, die ebenfalls etwas aufnehmen kann. In diese Falte soll der Angesprochene in Ex 4,6f seine Hand stecken und dann wieder herausziehen (vgl. Ps 74,11, wo der Beter dadurch buchstäblich die Hände frei hat, um zu handeln). Teilweise wird חֵיק ḥêq auch in Jes 40,11 mit Gewandfalte übersetzt. Naheliegender ist jedoch, dass auch hier gemeint ist, dass Gott die Lämmer im Schoß bzw. auf den Armen trägt (vgl. 1.2.1.). Dies drückt die fürsorgliche Nähe aus, die in Jes 40,11 vermittelt wird.

2.3. חֵיק ḥêq in Drohformeln

An einigen Stellen wird die Drohung geäußert, dass etwas in den Schoß חֵיק ḥêq der Verursacher zurückkehren oder vergolten werden soll, so z.B. der Hohn gegen Gott in Ps 79,12: „Und gib unseren Nachbarn siebenfach in ihren Schoß ihren Hohn zurück, mit dem sie dich verhöhnt haben, Herr.“ In Jes 65,6f wird Gott selbst den Tätern ihre Vergehen zusammen mit denen ihrer Vorfahren „in ihren Schoß vergelten“ (vgl. auch Jer 32,18). Ausgehend vom bisherigen Befund zum Begriff liegt folgende Deutung dieser Wendung nahe: Zur Vergeltung sollen den Tätern ihre eigenen Taten außerordentlich nahekommen (Fischer 2005, 202: „so dass [sie …] in ihrer Lebenskraft und Personmitte davon betroffen werden“), eventuell auch mit sexuell bedrohlicher Konnotation. Da חֵיק ḥêq als Schoß sonst nirgends in der Bedeutung von „Ursprung“ gebraucht wird, sind Deutungen, die die Rückkehr zu dem Täter als Verursacher annehmen, vom Befund her unwahrscheinlich. Auch bezeichnet חֵיק ḥêq fast nie das Innere oder innere Körperregionen (mit Ausnahme von 1Kön 22,35; Hi 19,27), so dass die Vermutung, hier würde „Sünde gegen JHWH im Innersten des Menschen bestraft“ (André 1977, 914), ebenfalls unwahrscheinlich ist, außer vielleicht in Ps 35,13: „Mein Gebet möge zurückkehren in meinen Schoß.“

3. רַחֲמִים raḥǎmîm Erbarmen und das Verhältnis zu רֶחֶם ræḥæm Mutterschoß

Das hebräische Nomen רַחֲמִים raḥǎmîm Erbarmen (→ Gnade / Barmherzigkeit), bezeichnet eine Eigenschaft (vgl. auch das Adjektiv רָחוּם rāḥûm, barmherzig) oder Handlungsweise (vgl. das Verb רחם rḥm, sich erbarmen). רַחֲמִים raḥǎmîm kann als Pluralform von רֶחֶם ræḥæm gelesen werden (so Gesenius, 18. Aufl., 1236), doch ist der etymologische Zusammenhang von רַחֲמִים raḥǎmîm und רֶחֶם ræḥæm umstritten (für die Diskussion dazu s. Grohmann, Baumann, Bester, Erbele-Küster). Für eine semantische Verbindung sprechen Belege aus anderen semitischen Sprachen, in denen Mutterleib und Erbarmen mit vergleichbaren gemeinsamen Wurzeln benannt werden (s. → Gnade / Barmherzigkeit 1.; Grohmann 2007).

Im Hebräischen gibt es noch weitere Belege dafür, dass das Innere des Körpers oder innere Organe als Sitz der Empfindungen verstanden werden (vgl. Schroer / Staubli 1998, 75-89; Wolff 1977, 102-106). Die Verbindung von Mutterschoß רֶחֶם ræḥæm und Erbarmen entspricht diesem Muster.

So wird das Erbarmen, das im AT / in der HB für Frauen, Männer und ganz besonders für Gott ausgesagt wird, näher qualifiziert durch die Geborgenheit im Mutterleib und die darin bestehende Beziehung von Mutter und Kind. Umgekehrt impliziert dies, dass diese mütterliche Beziehung eine barmherzige ist. Eine wesentliche Eigenschaft Gottes wird damit durch die semantische Nähe zum Mutterschoß mit Weiblichkeit zusammengedacht.

Die Unterscheidung von sex und gender ist hier hilfreich, um die Bedeutung dieser semantischen Zusammenhänge präziser zu bestimmen (vgl. Grohmann 2007, 131): Eine Gebärmutter haben (i.d.R., aber nicht immer ein biologisch weibliches Geschlechtsmerkmal, also sex) führt nicht zwangsläufig zum Mutter-Sein, zu Mütterlichkeit oder zu mütterlichem Erbarmen. Trotzdem ist all dies häufig, aber nicht ausschließlich Teil weiblicher sozialer Geschlechterrollen (gender). Auch Männer und vor allem Gott zeigen in Texten des AT / der HB Erbarmen als Verhalten oder Eigenschaft (vgl. Schroer 2010, 44-46; zur Beschreibung Gottes in menschlichen Rollen s. → Anthropomorphismus; → Vater, Gott als; auch mütterliche Aspekte). Gott hat somit Erbarmen רַחֲמִים raḥǎmîm, aber keinen Mutterschoß רֶחֶם ræḥæm (vgl. Baumann 2003, 236f).

Es ist schwierig, diesen Zusammenhang auch in der deutschen Übersetzung des Begriffs sichtbar zu machen. Für „sich erbarmen“ רחם rḥm schlägt Grohmann in Anlehnung an Annemarie Ohler „mitleben lassen“ vor (Grohmann 2009, 374), und Schroer und Staubli sprechen für die רַחֲמִים raḥǎmîm Gottes von der „Mutterschößigkeit Gottes“ (86).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt 2006
  • Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh 2009
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2. Weitere Literatur

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  • Smith, M.S., 2009, Herz und Innereien in israelitischen Gefühlsäußerungen. Notizen aus der Anthropologie und Psychobiologie, in: A. Wagner (Hg.), Anthropologische Aufbrüche. Alttestamentliche und interdisziplinäre Zugänge zur historischen Anthropologie (FRLANT 232), Göttingen, 171-181
  • Wolff, H.W., 1977, Anthropologie des Alten Testaments, 3. Aufl., München
  • Zenger, E. / Hossfeld, F.-L., 2008, Psalmen 101-150 (HThKAT), Freiburg u.a.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Ägyptische Bronzefigur der Isis mit dem Kind auf dem Schoß (6./5. Jh. v. Chr.). Aus: Schroer 2013, 129.
  • Abb. 2 Abbildung einer sich entschleiernden Göttin, die einem Wettergott gegenübersteht; altsyrisches Rollsiegel aus Meggido. Aus: Kehl / Uehlinger 2001, 42, Abb. 30
  • Abb. 3 Nackte Göttin, gerahmt von Zweigen als Symbolen der Fruchtbarkeit und Vegetation auf Stempelsiegeln der Mittelbronze-Zeit aus dem syrischen Raum. Aus: Kehl / Uehlinger 2001, 30, Abb. 11b und 12b
  • Abb. 4 Simson und Delila (Lucas Cranach d. Ä.; 1472-1553). Aus: Art. Delila (wibilex), Abb. 3.
  • Abb. 5 Aus einem Modell gepresste Göttinnenfigurine mit Brüsten, an denen Kinder saugen, und enthülltem Schambereich, in Kombination mit Zweigen oder Bäumen und Ziegen als weiteren Fruchtbarkeitssymbolen, aus Revadim, Israel / Palästina 1250 v. Chr. Aus: Schroer 2010, 48, Abb. 16.

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