Wagen

1. Termini

Ein Wagen für den Transport heißt im Alten Testament עֲגָלָה ‛ǎgālāh. Daneben gab es auch Planwagen (hebräisch צָב ṣāv: Num 7,3; die genaue Bedeutung ist unsicher) und vor allem den Streitwagen (hebräisch מֶרְכָּבָה märkāvāh). Die Streitwagentruppe wird רֶכֶב rækhæv genannt. Das Wort kann auch kollektiv für Streitwagen verwendet werden. Im Griechischen bezeichnet ἅρμα harma sowohl den Reisewagen (Apg 8,28f.38) wie den Streitwagen (Apk 9,9). Apk 18,13 nennt zudem den gallo-römischen Reisewagen (griechisch ῥέδη rhedē).

2. Archäologie

Funde von Wagen sind aufgrund des Materials und der klimatischen Voraussetzungen selten. Wie entsprechende Schriftzeichen und Bildquellen nahelegen, dürften Lastwagen mit zwei oder vier Rädern aber bereits im 4. Jt. v. Chr. in → Mesopotamien benutzt worden sein.

3. Altes Testament

3.1. Lastwagen

3.1.1. Lebenswelt

Aus: Zwickel, Leben und Arbeit, S. 106

Abb. 1 Lastwagen: Lachisch-Relief.

Lastwagen für den Transport waren aus Holz. Sie hatten (zwei oder vier) hölzerne Scheibenräder mit dickeren Felgen, später auch Speichenräder. Allerdings waren sie im Altertum eher selten, da der Warentransport in der Regel mit Lasttieren wie dem → Esel oder dem → Kamel abgewickelt wurde. Das Relief, das die Eroberung der judäischen Stadt → Lachisch zeigt, stellt solch einen Lastwagen dar, der von zwei Rindern gezogen wird (Abb. 1). Auf ihm befinden sich Gepäckstücke und neben einem Kind zwei junge Frauen, von denen eine ein weiteres Kind im Arm hält. Das entspricht dem üblichen Gebrauch der Wagen, die eher der Beförderung von Menschen (in der Regel Frauen und Kinder) über weite Strecken dienten (vgl. Gen 45,19.21.27; Gen 46,5), als dem Transport von Gegenständen. Letzteres ist z.B. bei der → Lade (1Sam 6,7-14; 2Sam 6,3) vorausgesetzt und in Ps 46,10 beim Kriegstross. Num 7,3-8 nennt Wagen als Weihegeschenk. Der Ursprung der Transportwagen wird in Mesopotamien vermutet.

3.1.2. Metaphorik

Am 2,13 gebraucht das Bild des schwerbeladenen Erntewagens, der den regennassen Erdboden aufreißt. Die so entstandenen Erdspalten lassen an die Folgen eines Erdbebens denken (vgl. Gese 1962, 421). Jes 5,18 verweist auf das Wagenseil, das die Zugtiere (neben der Deichsel) mit dem Wagen verbindet und diesen damit vorwärtsbewegt. Es gleicht dem Verhalten von Menschen, die wie mit einem Wagenseil die Strafe für ihre Vergehen geradezu herbeischleppen.

3.2. Streitwagen

3.2.1. Bedeutung im Krieg

Streitwagen sind seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. belegt. Sie waren wegen ihrer Schnelligkeit und Wendigkeit und als mobile Plattform für Bogenschützen eine schlagkräftige Waffe in der Ebene (→ Waffen). Im Bergland dagegen waren sie ungeeignet.

Aus: Zwickel, Leben und Arbeit, S. 106

Abb. 2 Streitwagen: Lachischrelief.

Streitwagen waren ebenfalls aus Holz angefertigt. Sie hatten Speichenräder (1Kön 7,33; Jes 5,28) und wurden von Pferden bewegt (Jos 11,4). Ihre Besatzung bestand aus dem Wagenlenker (1Kön 22,34), zudem, vor allem in Ägypten, einem Bogenschützen und evtl. dem שָׁלִישׁ šālîš, dem dritten Mann (1Kön 9,22; 2Kön 7,2.17), einem Schildträger. Das berühmte Lachisch-Relief Sanheribs, das die Eroberung der judäischen Stadt 701 v. Chr. zeigt, stellt einen solchen Wagen dar. Dabei handelt es sich wohl um ein in die Hände der Assyrer gefallenes judäisches Beutestück (vgl. Abb. 2).

Immer wieder wird im Alten Testament der Besitz von Pferden (→ Pferd) und Streitwagen herausgestellt, sowohl im Nordreich (2Kön 10,2) wie im Südreich (2Kön 8,21). Aber auch → Kanaanäern (Jos 11,6.9; Ri 4,7.15; Ri 5,28), → Philistern (1Sam 15,3; 2Sam 1,6), → Aramäern (2Sam 10,18), Ägyptern (Ex 14,6f.25; Ex 15,4) und → Assyrern (2Kön 19,23; Jes 22,7) wird der Besitz dieser schlagkräftigen militärischen Einheiten zugeschrieben. In Mi 1,13 wird die Einwohnerschaft von Lachisch in einem Wortspiel zwischen Lachisch und רכש rkhš aufgefordert, den Wagen an das Gespann zu binden. Dies ist der Beginn einer militärischen Aktion, der allerdings kein Erfolg beschieden sein wird. In Nah 3,2 liegt ein Beispiel hebräischer Kriegslyrik (vgl. Perlitt 2004, 28) vor. Hier wird in einer Kampfschilderung das „dumpfe Gerumpel […] der anrückenden eisenbeschlagenen Streitwagen“ (Fabry 2006, 189) beschrieben, dazu „das Knallen der Peitschen und das Rattern der Kampfwagen“ (ebd.), die sich schnell fortbewegen. So wird auch sprachlich der Schrecken dieser Angriffswaffe zum Ausdruck gebracht (vgl. dazu auch Joel 2,4f).

Gerade in den Streitwagen manifestierten sich die militärische Macht eines Königs und die kriegerischen Möglichkeiten des Königtums an sich (vgl. 1Sam 8,11); darüber hinaus waren sie auch Prestigeobjekte und Statussymbole. Daher legten sich Davids Söhne Pferde und Wagen zu (2Sam 15,1; 1Kön 5,6; 1Kön 9,19). Und → Adonija unterstrich seinen Anspruch auf das Königtum durch die Anschaffung von Streitwagen und Gespannen (1Kön 1,5), die er durch eine militärische Eskorte von 50 Mann begleiten ließ. Die herausgehobene Bedeutung der Streitwagen unterstreicht auch 1Kön 10,26 (vgl. 1Kön 5,6; 1Kön 9,22) mit dem Hinweis, → Salomo habe 1400 Wagen und 12.000 Streitwagenkämpfer aufbieten können.

In der Schlacht von Qarqar 853 v. Chr., in der König → Ahab zusammen mit einer Koalition von syrisch-palästinischen Königen gegen den assyrischen König → Salmanassar III. (858-823 v. Chr.) vorging, soll er 2000 Streitwagen ins Feld geführt haben (TUAT I/4, 361). Und nach 1Kön 18,45 fährt Ahab auf seinem Streitwagen nach → Jesreel; in seinem Streitwagen stirbt er schließlich auch (1Kön 22,34f).

Auch die Inschrift auf der Tell-Dan-Stele aus dem 9. Jh. v. Chr. unterstreicht die Bedeutung von Streitwagencorps, wenn → Hasaël sich rühmt: „(Ich) führte 2[000 Streit]wagen und 2000 Pferde fort“ (TUAT Ergänzungslieferung, 178).

Aus: Keel, AOBPs, Abb. 384

Abb. 3 Der königliche Kämpfer auf seinem Streitwagen.

Der königliche Kämpfer auf dem Streitwagen, der gegen die Feinde als Repräsentanten des Chaos vorgeht (→ Feinde, staatliche / Feindsymbolik), ist in der ägyptischen Kunst häufig dargestellt. Spätestens seit der 18. Dynastie (ca. 1570-1345 v. Chr.) wird der König immer wieder in seinem Streitwagen gezeigt, so auf einem Relief → Amenophis IV. (ca. 1351-1334 v. Chr., Abb. 3). Der König ist deutlich größer als seine Truppen auf seinem herrlich geschmückten Kriegswagen bereit zum Kampf (Abb. 3).

Aus: Keel, AOBPs, Taf. XX

Abb. 4 Assurnasirpal als Streitwagenkämpfer, Relief aus dem 9. Jh. v. Chr.

Auch in Assyrien wird der König in seinem Streitwagen kämpfend dargestellt, allerdings nicht wie in Ägypten allein, sondern er ist umgeben von seinem Schildhalter und dem Wagenlenker (vgl. Abb. 4). Anders als in ägyptischen Darstellungen wird hier gezeigt, wie die Gegner der Assyrer heftigen Widerstand leisten, wobei auch sie letztlich gegenüber der Macht und Gewalt des Königs keine Chance haben.

3.2.2. Rüstungskritik

Der Besitz von Streitwagen wurde theologisch vor allem im Bereich der Prophetie hinterfragt, da sie als Zeichen von politischem Größenwahn und Götzendienst angesehen wurden (Jes 2,7). Im Rahmen einer Rüstungskritik kündigt Mi 5,9 ihre Zerstörung an, weil „das Vertrauen auf militärische Stärke in Gegensatz zum Vertrauen auf JHWH geraten ist“ (Kessler 1999, 250). In der Zeit → Hiskias waren Streitwagen in Juda ein Hoffnungssymbol im Kampf gegen die assyrische Vormacht. Dieses Vertrauen auf militärische Stärke wurde von → Jesaja abgewiesen (Jes 31,1; Jes 36,9). Die Zerstörung der Streitwagen ist immer wieder Hinweis auf die Vormacht Gottes (Ex 14,25; Ex 15,1.21; Mi 5,9; Hag 2,22; Ps 46,10).

3.2.3. Bedeutung im Rahmen der Herrschaftsrepräsentation

Streitwagen konnten auch als Prunk- und Reisewagen verwendet werden und standen dann im Dienst der Herrschaftsrepräsentation (vgl. 2Sam 15,1 und Schmitt 2001, 44ff.47ff.114ff). So fährt → Josef „im zweiten Wagen des Pharaos“ (Gen 41,43; vgl. Gen 46,29, wo ebenfalls ein [prunkvoller] Streitwagen vorausgesetzt sein wird, wie er einem König oder einem hohen Militärangehörigen zukam, im Gegensatz zu einem Lastwagen, mit dem auch Personen befördert werden konnten; vgl. 2Kön 5,21.26; 2Kön 10,15). Auch → Schebnas edle Repräsentationswagen (מַרְכְּבוֹת כָּבוֹד markәvôt kāvôd) in Jes 22,18 werden zur Strafe in ein fernes Land verbracht.

3.2.4. Metaphorik

Die Schnelligkeit der Streitwagen und ihrer Gespanne entspricht nach Jer 4,13 der des Sturms und übersteigt die der → Geier: „Zusammen entsteht so der Eindruck eines in Windeseile hereinbrechenden Angriffs; der unvorbereitet trifft und unwiderstehlich ist“ (Fischer 2005, 219). Den Streitwagen als prominenten und kostspieligen Luxusgegenstand (vgl. 1Kön 10,29), mit dessen Glanz man sich gerne umgab, setzt Hhld 6,12 voraus.

3.3. Wagen im Kult

3.3.1. Sonnenwagen

2Kön 23,11 spricht von Sonnenwagen im Jerusalemer Tempel, die in Verbindung mit dem assyrischen Sonnenkult standen (vgl. Spieckermann 1982). Es ist unklar, ob dieses Gespann für den Sonnengott Schamasch von echten Pferden gezogen wurde oder ob es um eine figürliche Nachbildung der Tiere geht. Ersteres ist wahrscheinlicher, da sie „von einem sārîs versorgt“ wurden, also „einem Beamten mit zivilem, nicht religiösem Titel assyrischer Herkunft“ (Keel / Uehlinger 1992, 394). Die Pferde kann man „als Medien für die Divination“ ansehen, die Wagen als Vergegenwärtigung der unsichtbaren Gottheit. Diese Sonnenwagen wurden in Zusammenhang der Kultmaßnahmen → Josias beseitigt, um die Kultusreinheit zu gewährleisten.

3.3.2. Himmels- und Gotteswagen

Der feurige Wagen mit feurigen Pferden in 2Kön 2,11 ist ein von Gott gesandtes Himmelsgefährt, mit dem → Elia in die himmlischen Sphären verbracht wird. Auch das „Himmelsheer“, also die dem „Höchsten Gott“ zugeordnete „Armee von bewaffneten ‚Heiligen‘“ (Keel / Uehlinger 1992, 396) umfasst neben Reitern auch Wagen (2Kön 6,17; 2Kön 7,6). Auf diese Vorstellung bezieht sich der Ruf → Elisas (2Kön 2,12): „Wagen Israels und seine Lenker.“ In Ps 68,18 ist ein Triumphzug JHWHs vom → Sinai zum → Zion vorausgesetzt, der von Zehntausenden von Wagen begleitet ist. Ps 104,3 werden die Wolken als JHWHs Wagen beschrieben. Jes 66,15 verbindet das göttliche Strafgericht mit Feuer und Wagen. Vier Götter- oder Himmelswagen als Symbol der göttlichen Gegenwart setzt das achte Nachtgesicht → Sacharjas (Sach 6,1-8) voraus. Der Hinweis auf „deine Wagen des Heils“ in Hab 3,8 steht in Verbindung mit der Chaoskampfvorstellung (→ Chaos / Chaosmächte / Chaoskampf) und zeigt JHWH als siegreichen Wetter- und Kriegsgott (→ Wettergott), der sich in → Schöpfung und Geschichte gegen jegliche Form von Bedrohung durchsetzen wird.

3.4. Wagenstadt

1Kön 9,19; 1Kön 10,26 nennt, bezogen auf Salomo, Wagenstädte (עִיר רֶכֶב ‛îr rækhæv). Wahrscheinlich handelte es sich um Garnisonen der königlichen Streitwageneinheiten, die Pferdegespanne und Streitwagen aufnahmen, Ersatzteile vorhielten und grenznah einen schnellen Einsatz ermöglichten.

4. Neues Testament

Zu den Reichtümern Babylons gehören neben Pferden und Sklaven auch (vierrädrige) Wagen (Apk 18,13). Der äthiopische Kämmerer verfügt über einen Reisewagen, der ihn in seine Heimat zurückbringt (Apg 8,28ff). Den Schrecken und Lärm des anstürmenden dämonischen Heuschreckenschwarms (→ Heuschrecke) unterstreicht Apk 9,9 mit dem Hinweis auf ihr Flügelrauschen, das dem „Geräusch vieler Wagen und Pferde, die zum Kampf eilen“, gleicht.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928ff
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Der Kleine Pauly, Stuttgart 1964-1975
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 2. Aufl., Stuttgart u.a. 1992
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 6. Aufl., München / Zürich 2004
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006

2. Weitere Literatur

  • Cantrell, D. O’Daniel, 2011, The Horsemen of Israel. Horses and Chariotry in Monarchic Israel (Ninth-Eighth Centruries B.C.E.) (History, Archaeology, and Culture of the Levant 1), Winona Lake
  • Fabry, H.-J., 2006, Nahum (HThKAT), Freiburg
  • Fabry, H.-J., 2018, Habakuk / Obadja (HThKAT), Freiburg
  • Fischer, G., 2005, Jeremia 1-25 (HThKAT), Freiburg
  • Gese, H., 1962, Kleine Beiträge zum Verständnis des Amosbuches, VT 12, 417-424
  • Keel, O., 1980, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. Am Beispiel der Psalmen, 3. Aufl., Neukirchen-Vluyn
  • Keel, O. / Uehlinger, C., 1992, Göttinnen, Götter und Gottessymbole. Neue Erkenntnisse zur Religionsgeschichte Kanaans und Israels aufgrund bislang unerschlossener ikonographischer Quellen (QD 139), Freiburg
  • Kessler, R., 1999, Micha (HThKAT), Freiburg
  • Perlitt, L., 2004, Die Propheten Nahum, Habakuk, Zephanja (ATD 25/1), Göttingen
  • Schmitt, R., 2001, Bildhafte Herrschaftsrepräsentation im eisenzeitlichen Israel (AOAT 283), Münster
  • Spieckermann, H., 1982, Juda unter Assur in der Sargonidenzeit (FRLANT 129), Göttingen
  • Zwickel, W., 2013, Leben und Arbeit in biblischer Zeit. Eine Kulturgeschichte, Stuttgart

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Lastwagen: Lachisch-Relief. Aus: Zwickel, Leben und Arbeit, S. 106
  • Abb. 2 Streitwagen: Lachischrelief. Aus: Zwickel, Leben und Arbeit, S. 106
  • Abb. 3 Der königliche Kämpfer auf seinem Streitwagen. Aus: Keel, AOBPs, Abb. 384
  • Abb. 4 Assurnasirpal als Streitwagenkämpfer, Relief aus dem 9. Jh. v. Chr. Aus: Keel, AOBPs, Taf. XX

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